vlkctjkk n.">. WWMM .tM ^ 'V/?, ^ÄE - -i^^! . ---: Die ^ L. Merzte in der ßoncurrenz und 'i was da Roth thut. Von Dr. Leopold Besser, praktischem Arzte i» Berlin. Zweite Auflage. Göttingen, Georg H. Wigank. 18 58 . Die Äerzle m dee Concurrenz. Der alte ehrenwcrthe Etatsrath 1)r. Hegewisch in Kiel, ein Senior unter den praktischen Ärzten, sagt in seinem so bekannt gewordenen Buch »Eigenthum und Bielkindcrei": »Würden wir gute Advocaten und Ärzte, »gute Generäle, gute Bäcker und Schmiede, würden wir »bezahlbares Brod, trinkbaren Wein, würden wir Kaffee »und Zucker von jenseits der Meere, würden wir gute »Kanzelredner und Schullehrer haben ohne Concurrenz? »Gewiß nicht." Nun was sagen denn heute, nachdem nur ein Jahr- zehend verflossen, seit diese Worte niedergeschrieben wurden, die praktischen Ärzte dazu? Was urtheilen die Nichtärzte über den Werth jener Concurrenz? »Ja »jener" Concurrenz! Welche sollen wir uns denn dabei denken?" Das fragen meine Leser zuerst. Der Concurrenz ergeht es wie allen Bezeichnungen von umfassender Art. Sie wird verdammt und gepriesen. Es geht ihr wie dem Begriff der Freiheit, dem der Autorität, der Reaction rc. rc. Wem die Concurrenz seine Kräfte an den Markt bringen ließ, wem sie die Pforten für seine bürgerliche Laufbahn öffnete, wer 1 2 unter ihrer Herrschaft in Amt und Ehren kam, in dem hat sie ihren Jünger, der preist sie als das naturgemäße Mittel zur Entfaltung der menschlichen Kräfte an; wem sie aber seine frühere behagliche Existenz erst annagte, um sie später ganz zu untergraben, wem sie für sein ganzes persönliches Streben gefährlich ward, wen sie auS dem Sattel seiner Carriöre hob oder wem sie die letzten Rahmen des Standes sprengte, dem er angehört, versieht in ihr die zersetzende Macht, die unsere heutigen socialen Verhältnisse zu vernichten droht. — Es kann mir hier, wo ich die Stellung der Ärzte dort beleuchten will, wo sie in Concurrenz leben, nicht einfallen, tiefer die Frage nach dem Werth der Concurrenz an sich zu erörtern. Ich muß, wem es sich um weiteres Eingehen auf diese sociale Frage handelt, auf meine 1855 bei W. Engelmann in Leipzig erschienene "Naturgeschichte der Arbeit" verweisen, wo ich im Kapitel „Was heißt Arbeit" ausführlich auch über den Begriff und den Werth der Concurrenz mich verbreitet habe. ,5 Wir wollen den Begriff der ärztlichen Concurrenz ganz präcis und scharf so aussprechen, daß das Leben der Ärzte in Concurrenz ein solches dann zu nennen ist, wenn in einem gegebenen District mehr Ärzte zum Behuf der Ausübung praktischer Heilkunde ihr Domicil genommen haben, als daß die den District bewohnende Bevölkerung sie für ihre ärztliche Thätigkeit zu belohnen, resp. zu er- /_währen vermag. Sehen wir zuerst nach, ob diese Definition für die "Concurrenz der Ärzte« brauchbar und practisch, kurz klar und faßlich ist? Es wird Jedem zunächst die Frage kommen, ja was sind denn das für Ansprüche, die die Ärzte 3 an ihre Ernährung, an ihr tägliches Brod machen? Es lebt ein unverheiratheter Arzt in einem kleinen Landstädt- chcn wohl jährlich von einem Erwerb von 300 Thlr., während ein anderer, der in einer Mittelstadt Deutschlands lebt, verheirathet ist, eine starke Familie hat, 3000 Thlr. zu seiner und der Scinigcn Existenz braucht. — Versetzt sie wechselseitig und der Eine dünkt sich einen Crösus, der Andere ist banquerout. — Nun zunächst verlangt eben Niemand, daß sie mit ihren Bernfskreisen tauschen. Fer^ »er aber wird, wo der Ärzte Wirken ein segensreiches, wo ihr Stand ein geachteter ist, die öffentliche Meinung Dilligkcitsgefühl genug besitzen, um ihnen für ihren doch mindestens sehr ernsten Berns eine solche pecuniärc Sicher- stellung zu gönnen und einen solchen Lohn als den ihrer Thätigkeit entsprechenden zu halten, bei dem ihnen wiegten Ihrigen eine sorgenfreie Existenz gesichert ist. Und abermals werden darüber die Stimmen sich nicht schwer einigen, was zu einer sorgenfreien Existenz gehört. — Es liegt die Antwort hierauf nicht in einem abstracten, sondern in einem so stets individuellen Bedürfnißmaaß, daß eben nicht vom grünen Tisch aus decretirt werden kann, ein Arzt soll von 300 oder 600 oder 900 Thlr. Einnahme leben, sondern dies wird nach Wohnort, der landesüblichen Lebensweise, nach der Bevölkcrungsart, nack der Art, die Ärzte zu lohnen (die in einer norddeutschen Universitätsstadt z. B. einen Arzt mit Lebensmitteln und Dclicatessen aller Art so überschüttet, daß der Herr Professor an einem offenen Abend in der Woche nur froh sein muß, die Ueberfülle von Speisen wieder an den Mann, an einen großen Kreis guter Freunde zubringen); ich sage dies Bcdürfnißmaaß wird je nach der Lebens- 1 * 4 resx. Bcrufsstellimg des Arztes ein so verschiedenes sein, daß darüber nicht wohl füglich nach Art der Gehalts- Normirungen entschieden werden könnte. Aber das wird nicht hinderlich darin sein, daß die öffentliche Meinung einen gewissen Lohn für den Arzt als den billigen mit sicherem Takt herausfühlt und findet. In einer näheren Bezeichnung dessen, was zu einer „sorgenfreien Existenz«, einem „billigen Lohn« gehört, läßt sich mit Worten, als, der letztere müsse den Arzt für „Entbehrungen entschädigen«, er müsse „Einbußen der Gesundheit aufwägen«, er müsse für „Strapazen Ruhe und Eomfort gewähren«, nicht viel ausrichten und weiterkommen. Der ärztliche Beruf hat darin, daß er zwischen körperlicher und geistiger Thätigkeit getheilt ist, eine so unendlich werthvollc Eigenthümlichkeit und in seinen Gängen, Ritten und Fahrten eine so wohlthätige Beigabe für die Conscrvirung der Gesundheit der Ärzte, daß hier füglich bei dem wahren Wort im Volksmund Beruhigung zu fassen ist: „ein jeder Stand hat seine Leiden, ein jeder hat auch seine Freuden.« Um der Frage nach dem Wie der Ernährung, nach dem Wiehoch des Lohnes willen also wird die obige Bezeichnung der Concurrenz nicht angefochten, nicht für unbestimmt und vag gehalten werden. Aber von einer ander,: Seite wird man entgegnen, daß in meiner Definition das „mehr« Ärzte eben ein unbestimmbares X ist. Der Arzt U'. hat nach der Meinung eines Patienten L. bei dessen Behandlung seine Schuldigkeit rlicht gethan. L. braucht in einem anderen Krankheitsfall wieder einen Arzt und rühmt es als einen Segen der Concurrenz, fühlt sich in seinem persönlichen 5 Interesse sehr bewahrt und gesichert, das; in dem kleinen Ort, wo er lebt, vor Jahr und' Tag sich noch ein Arzt niedergelassen hat. Braucht D. nun doch nicht wieder den Arzt um seine Hilfe anzusprechen, denn er war von ihm ja vernachlässigt, falsch behandelt worden. Der Arzt hatte aber der Meinung des L. nach entweder nicht genug Medicin verschrieben und deshalb war angeblich die Genesung und Reconvalescenz verzögert worden, oder hatte nicht genug Besuche gemacht, und L. wußte --ganz gewiß", N. habe ihn deshalb nicht genug beobachten können, oder hatte nicht lange genug den Klagen des lk. zugehört und war deshalb ohne die Theilnahme, die L. für seinen Zustand forderte, oder X. hatte gewagt, den L. darauf aufmerksam zu machen, daß er, der Ik. das und jenes in seiner Lebensweise unterlassen müsse, wenn er eine neue Erkrankung an dem Übel verhüten wollte, oder durch dritte Hand hatte L. gehört, der neue Doctor habe "ganz denselben" Fall in der und der Zeit curirt und eine „braune Medicin" habe in jenem Fall Wunder gethan, oder endlich der neue Doctor „mache es billiger." O pfui, so Etwas einem Collcgen zutrauen, so Etwas öffentlich in der Presse einem „Collcgen" unterstellen! Lxeusori l.i pvtito xortion! Der wahre Geist des College», des Amtsb rnders hat sich in der Con- currcnz bereits verflüchtigt. Der neue Doctor hat den Dreifuß der Markthöckerei unter den Fuß genommen mit dem Motto des Straßen-Handels: „Wer kauft mir meine Waare ab, ich geb' sie am billigsten." Nun es ist die obige nur eine von den zahllos vielen ähnlichen Auffassungen von dem Werth der Stellung der Ärzte in der Concurrenz. Ja gehen doch selbst echte -i 6 Stimmführer einer Gleichheit sans xbrase so weit, zu verlangen, der „arme, unglückliche" oder „unverschuldet arm gewordene" Proletarier, der Almosenpercipient, der von der Gesellschaft zehrende und auf deren Unkosten und Gefahr Exiftirende, müsse im Krankheitsfall das Recht haben, sich den Arzt „seines Vertrauens" wählen zu können. Es sei Unrecht, dem kranken „Armen" den und den, einen „bestimmten Arzt" über den Hals zu schicken. Es sei deshalb auch für die Armen selbst wünschenswerth, daß eine gehörige Anzahl Ärzte da sei. Doch weiter zu unserm vernommenen Einwurf: wer bestimmt über unser obiges „mehr" Ärzte? Wenn Jemand käme und sagte, ich will beweisen, daß es noch lange nicht genug Ärzte gibt, denn es bleiben noch eine große Anzahl der Übel auch dort, wo allgemein über eine Übersetzung des ärztlichen Standes geklagt wird, unbehandelt, es werden noch eine Menge von Leiden und Gebrechen noch gar nicht behandelt, geschweige denn beseitigt, und es beweisen die zahllosen Fälle, wo die kluge Frau, das Recept eines guten Freundes, der Schäfer, wo Sympathie, wo der Schmied, der Pfarrer und der Schul- lehrer heilend eingreifen und iin Stillen ihr oft fromm gemeintes Werk treiben, zur Genüge, daß es auch der großen Anzahl der Ärzte noch nicht möglich ist, allen Leidenden und Kranken Hilfe zu bringen: so müßten wir eben schweigen und das Feld räumen, wenn wir in unserer obigen Definition nicht den ergänzenden Satz aufgenommen und gesagt hätten: „mehr Ärzte, als — die Bevölkerung zu ernähren vermag." Hiermit haben wir wenigstens zu einem Theil jene Bestimmung begränzt und vorerst die Verlangen Derer als nicht zu berücksichtigend 7 bezeichnet, die lediglich und allein nach der Masse der gegebenen Krankheitsobjecte das zu viel oder zu wenig in der Anzahl der Ärzte bestimmen wollen. Nun wir halten soinit an unserer obigen Bezeichnung dessen, was wir Concurrenz unter den Ärzten nennen, fest und sehen uns, ehe wir weiter gehen, näher die Stellung an, die die Ärzte in der menschlichen Gesellschaft einnehmen. Haben wir hierin einmal einen festen Fuß zu fassen vermocht, dann werden unsere Klagen, Hoffnungen, Wünsche sich scharf fassen, es werden sich unsere Meinungen über die nothwendige Stellung der Ärzte im Leben klar normten lassen. In unserm Staaten- und Völkerlebcn sehen wir vier Hauptthcile der Gesellschaft. Erstens die staatliche Gewalt des Landes, die Regierung, die bald in der, bald in jener Form gebildet und ausgeprägt ist. — Zu ihr gehört der ganze Kreis Derer, die dieser Gewalt dienen, die ihre Intentionen ausführen. Die ganze Bureau-Bevölkerung (eine Bureaukratie, eine Herrschaft der Staatsbeamteten müßte und könnte, meinen wir, gar nicht ein Wunsch Derer sein, die einem Staatsorganismus wirklich mit Überzeugung und Treue anhängen) läßt sich füglich in einem wahren Staatsorganismus gar nicht anders als eine Jnhärenz, als ein Stück des Organtheiles denken, den wir als einen und den ersten eines Staats- oder Volkskörpers eben bezeichneten. Es muß in diesem Theil eines Staatsganzen die unbedingteste Harmonie und Einheit herrschen, wenn die Intentionen und Absichten der Regierung von Erfolg begleitet sein sollen. Ein zweiter Theil des Staates ist der Adel, dessen sociale Basis immer der große Grundbesitz ist und bleiben 8 wird, und dessen Glieder ihren Einfluß bei der Regierung des Landes, ihre Stimme in dem Gemeindclebcn, ihre Stellung im Kreis des Privatlebens, ihr Fördern dieser oder jener Interessen im Staatslcben schließlich doch immer von jener socialen Basis werden herdatiren, sich mit ihren gesellschaftlichen Stellungen doch stets an jenes Fundament werden anlehnen müssen. Es ist freilich actuell nicht zu leugnen, daß der Adel dieser seiner socialen Basis vielerwärts verlustig gegangen ist. Wir erinnern z. B. an die Folgen, die den großen Grundbesitz des früheren kursächsischen Adels durch dessen Verschwendungen getroffen haben und daß der gegenwärtige sächsische Adel reell eigentlich nicht mehr auf dem großen Grundbesitz social basirt ist. Einmal aber ist das auch ein vielfach vom Adelstand schwer empfundener Verlust, ferner zeigt uns des Adels gegenwärtiges Bestreben, diesen volköwirthschaft- lichen Fehler, diese sociale Einbuße, wo nur irgend möglich wieder gut zu machen, und endlich beweist uns der englische, römische, der untergegangene französische Adel rc. die Wahrheit vorstehender Annahme. Den dritten Theil, das dritte Glied jedes Staatsganzen, jedes Volksorganismus bildet der Bauernstand.— Die diesem Stand angewiesene staatliche oder gesellschaftliche Berufsthätigkeit ist scharf bezeichnet in dem Ausdruck "Nährstand." Der Bauer muß der Nahrungsmittel pro- ducirende Arbeiter im Ganzen eines Volkslebens sein. Und wenn wir auch nicht mit Iustus Möser uns den Bauer als die einzige vollwichtige Figur in einem Staat und alle anderen Arbeiter uns als von ihm abhängige "Heuerlinge" denken können und mögen, so wird es doch allgemach auch dem Kurzsichtigsten klar und zu einem un- 9 verbrüchlichen volkswirthschaftlichen Grundsatz, daß der Stand der Bauern wirklich ein Nahrungsmittel erzeugender, resp. solche abgebender sein und bleiben muß, wenn nicht die andern Theile des Ganzen zusammenbrechen und zerfallen sollen. Natur und Wesen jedes Organs ist es nun einmal, daß alle Theile leiden, wenn ein Theil leidet. Der vierte Theil eines Staates ist der Bürgerstand. Es ist der eigentliche Stand der Arbeit um Lohn. Gewerbe, Industrie, Handel, Kunst, Technik, sie gehören ihm vor Allem und eigentlich einzig und allein an. Er streckt die von Gott uns verliehenen Fühlfaden menschlichen Er- kennens und Wissens überall in die Welt, in die Natur Gottes hinaus und macht sie sich nach Gottes Willen Unterthan. Er ist eigentlich das Salz einer staatlichen Gesellschaft. Er befruchtet nach allen Seiten hin. Der Bürgerstand bringt seine Erzeugnisse, sein Wissen, seine Kunst, seine Fertigkeit, seine Forschungen an den Markt und bietet sie den drei anderen Theilen des Staatsorganismus an und danach, ob sie hier Begehren finden oder nicht, danach richtet sich der Grad, die Güte, die Art, der Preis des Erzeugnisses, des Wissens, der Kunst, der Fertigkeit, der Forschung, und zwar danach einzig und allein. „Um der Wissenschaft selbst willen, so lautet die ewige Klage aller in Entbehrung forschenden Jünger der Wissenschaften, geschieht nichts, um ihrer selbst willen bringt der Staat keine Opfer", aber es wird immer so heißen, das ist die ganz natürliche Folge gegebener socialer Ordnungen --und Grundlagen. Gewerbe, Industrie, Handel, Wissenschaft und Kunst, sie gehören ihrer gesellschaftlichen Stellung nach dem vierten Theile in der Gliederung des 10 Staatsorganismus an und sind in erster Linie mit ihrer Existenz gewiesen an die Nahrungsmittel, die der Bauernstand erzeugt. Es versteht sich von selbst, daß wir mit diesen unseren Anschauungen nur in der Gegenwart und nächsten Zukunft stehen. Um gleich das fernliegendste Anders in's Auge zu fassen, wissen wir ja wohl den Einwurf zu respectiren, den der Jünger der organischen Synthese hier einwirft, wenn er im stillen und festen Glauben an die Zukunft seiner Wissenschaft von der Gegenwart als der rohen Zeit und den in ihr regierenden barbarischen Verhältnissen spricht, die den Menschen mit seinen Nah- rungs-Bedürfnissen noch an die Welt der Pflanzen und Thiere weise, gegenüber jener Zukunft, in der er, befreit von diesen Fesseln, seine Nahrungsmittel aus deren Elementen sich zu bereiten werde vermögend sein. Wir kennen auch den Einwurf der in nähere Zukunft Blickenden, wenn sie den Bauernstand verwandelt sehen in eine Classe chemisch und physikalisch gebildeter Menschen, die statt der schwerarbeitenden Menschenhände die vervollkommnete Maschine eingetauscht und die Bestellung ihrer Felder nicht auf Grund von ihnen roh genannter Empirie, sondern nach chemischer Kenntniß der vorliegenden Bodenbestandtheile und der zu bauenden Früchte ordnen und einrichten. — Niemand kann sociale Ordnungen für lange Zeiten geben. Wie kürzlich der sächsische Staatsminister von Beust empirisch richtig sagte, »wer kann denken wollen, nach einem 40jährigcn Frieden könne der Krieg vermieden werden", so ändert das unaufhörlich anwachsende Maaß menschlicher Erkenntniß folgerecht und nothwendig auch der Menschen gesellschaftliche Einrichtungen. Wer diesen Änderungen sich entgegcnstemmt, erscheint als die 11 den Krieg oder die Revolution provocirende Partei. — Doch zurück zu unserer der Gegenwart geltenden Gliederung der Staaten. Nur ein Appertinenzstück, nur eine Beigabe des Bürgerstandes ist der Arbeiterstand, den nur sociale Asterweisheit zu einem berechtigten, selbstständigen Glied der Gesellschaft machen konnte. Es ist bisher natürlich auch nur dabei geblieben, ihn einen Stand zu nennen, es hat bisher nur bei den Versuchen sein Bewenden gehabt, ihm ein sociales Bürgerrecht einzuräumen. Und es wird auch bei diesen Versuchen sein Bewenden behalten, da es jenen socialen Shsteinmachern doch nach und nach klar wird, daß dieser sogenannte vierte Stand (social ein rein pathologisches Object) schon jetzt die Existenz aller bisherigen gesellschaftlichen Gliederungen zu sprengen droht. — Dieser sogenannte vierte Stand ist social also kein berechtigter Stand und wir müssen uns wohl hüten, ihn, weil er ein jetzt eben massenhaft reprä- sentirter ist, nur um deswillen auch für berechtigt oder einer Zukunft fähig zu halten. Er gehört durchaus einzig und allein dem Bürgerstand an, und wenn die Gesellen erst wieder wirklich in der Familie des Meisters, wenn die Dienstboten erst wieder wirklich dem Haus Dienende, wenn die Häusler auf dem Land erst wirklich überall Hausdrescher, Hofschnitter, kurz Arbeiter der und der Hufe sind und im Alter nicht abgenutzt bei Seite liegen müssen, wenn die Arbeiter der Fabriken erst im Familiengeist der Schöpfung zu New-Lauark wieder Theile des Bürgerstandes geworden sind und sich nicht mehr als social abgelöste Atome feindlich zwischen die Organtheile unserer Gesellschaft drängen, wenn die zahllos verschiedenen Gruppen des Bürgcrstaudes nicht mehr in der Diaspora leben, 12 sondern zu festgegliedcrten Organthcilcn geworden sind durch eine von ihrer eigenen wie der Existenz des Ganzen erheischten Corporation ihrer Glieder: dann werden unsere Socialhistoriker auch nichts mehr von ihrem sogenannten vierten Stand zu berichten haben. Doch zu unserer Aufgabe zurück. Wir mußten den Rahmen unserer Gesellschaft zuerst zeichnen, wir mußten erst das Linienwcrk für das Ganze entworfen haben, ehe wir uns über die Stellung weiter unterhalten konnten, die einem Theil jenes Ganzen, dem Stand der Ärzte, dort zukommt. — Unsere Bilder über die Ärzte in der Concurrenz vermöchten höchstens einen negativen Werth zu crbalten, wenn wir uns nicht gleich müheten, scharf die Grenzen anzugeben, die im Staatslcben dem Stand der Ärzte zugehören. Die Ärzte sind vor Allein in zwei Classen zu theilen, erstens in solche, die Staatsdiener sind und solche, die keine Besoldung vom Staat erhalten, die mit ihrem Er-' werb lediglich auf die freie ärztliche Praxis angewiesen sind. Es ist für den ganzen Stand der Ärzte nicht gut, daß dieser Unterschied nicht präciser ausgesprochen, die Stellung der Ärzte danach nicht bestimmter normirt wird. — Es läßt sich hier mit rechter Wahrheit sagen „man kaun nicht zween Herren dienen.» Leibärzte der Regenten, Sanitätsräthe einer Landesregierung, die Ärzte der Kranken- und Irrenhäuser, die Professoren unserer Universitäten, Militärärzte, Bezirksärzte, Gerichtsärzte sind oder sollten wenigstens Staatsdiencr sein, sie gehören durchaus und nothwendig dem ersten Haupt-Theil eines Staatsorganiömus an, sie gehören zum Ressort der staatlichen Gewalt. Sie dienen oder sollten und müßten we- — 13 — nigstcns dienen -im Interesse nnd im Geist der von ihr angestrebten Intentionen. Ganz anders ist's mit den Ärzten, die lediglich der freien ärztlichen Praxis leben. Sie gehören dem vierten Hauptthcil eines Staatslcbens an, sie sind Glieder des Bürgcrstandcs. — Sie bringen ihre Waare, d. i. ihre Geschicklichkeit, ihre Kenntnisse, ihre Talente und Kräfte aller Art von dort aus an den Markt des Lebens und da kann lediglich und allein der Begehr der freien Bevölkerung über ihren Lohn entscheiden. Wir gedachten oben des Umstandes, daß bei Weitem der größte Theil aller die Menschen quälenden Übel und Gebrechen noch nicht von Ärzten behandelt werde. Es werden mir die Erfahrungen meiner Collegen beipflichten, wie spät man erst in einer Familie, in einem Haus, in einer Gemeinde, kurz in jedem größeren oder kleineren Berufskreise, ja wie spät selbst der Nosocomialarzt dahinter kommt, wo und wie sehr den Einzelnen der Schuh bei seinem Leiden drückt. — Jeder Arzt kennt die oft unbegreifliche Verschwiegenheit, die uns im praktischen Leben begegnet und wie stets erst nach und nach und langsam sich Falte um Falte anöglättet, um uns einen klaren, vollen Blick in den Krankhcitszustaud des ganzen Individuums thun zu lassen. Aber Unzählichcs bleibt dem Arzte verborgen. Als ich einmal in einem Dorf längere Zeit einen Gebärmuttervorfall behandelt hatte, gestand mir die zutraulich gewordene alte Frau, daß noch 7 Frauen aus ihrer Freundschaft im Dorf an solchem Borfall litten, aber noch keinen Arzt gebraucht hätten. Oder soll ich an die zahllosen Bruchlcidendcn erinnern, die nur im Bcr- 14 borgenen Hilfe für ihre Noth suchen, die mit schlechten Bandagen, falschen Peloten, sich Jahre lang, ja ihre Lebenszeit herumquälen, ohne einen Arzt um Rath zu fragen ? Oder soll ich an das im großen Ganzen noch durchaus maaßgebende Wort im Volke erinnern, daß bei Krankheiten der Säuglinge der Arzt nichts helfen könne? Ich habe in meiner bei Wigand in Göttingcn erschienenen Schrift über die Säuglingspflege auf die furchtbare Sterblichkeit der Säuglinge hingewiesen, und wie solche durchaus nicht in der Eigenthümlichkeit dieses kindlichen Organismus, sondern lediglich in der Unkenntniß begründet liege, die im Volke noch über eine gesundheitgemäße Pflege des Säuglings herrscht. Für Krankheiten der Säuglinge gibt es in unserm Volk eben noch kein oder nur wenig Begehr nach einem Arzt. Die Säuglinge haben namentlich in Zeiten socialer Noth, wie die gegenwärtige wieder einmal eine solche ist, wenig Werth, und es ist nicht etwa ein nur dann und wann zu hörendes, nein es ist ein ganz gewöhnliches Wort bei Sterbefällen von Säuglingen »nun es ist doch ein Glück für die Familie, daß das Kind wieder gestorben ist. Es sind Kinder in ihr schon genug." Oder soll ich an die unendlich vielen Gemüthsleiden erinnern, die an dem Leben der Familien nagen, ohne daß davon Jahre lang ein Arzt Etwas erfährt, die oft erst an den Tag kommen, wenn ein Organlcidcn sich aus ihnen entwickelte und der forschende Arzt unter den ursächlichen Momenten jene quälenden Verhältnisse immer noch mehr errathen mußte, als daß der Patient sie ihm offen mittheilte, ja die der Arzt oft in den Familien ein- herschleichen sieht, die dem Arzt oft Vieles erklären, ihm 15 oft in den Handlungen der Menschen zwischen den Zeilen lesen lassen, ohne daß der Leidende sich einem Arzt anvertraut? Nun cS galt mir, hier nachzuweisen, wie die Masse der Krankhcitsobjecte reell und in Wahrheit nicht maaßgebend ist für die Anzahl, für die Thätigkeit der Ärzte. Man kann in Wahrheit sagen, sollte alle Krankheit im Volk behandelt werden, so wäre die Anzahl der lebenden Ärzte eine noch lange nicht hinreichende. Mit dieser Thatsache, die mir jeder frei-practicirende *) Arzt bestätigen wird, ist doch zur Evidenz bewiesen, daß die Krankheitsobjecte nicht maaßgebend sind und sein können für die Thätigkeit, d. h. natürlich für die Anzahl der Ärzte. Hierüber kann lediglich und allein das Begehren entscheiden, das in der Bevölkerung nach einem Arzt herrscht. Dies wird ein verschiedenes sein. ES gibt Bevölkerungsmengen, die in höchster, wie solche, die in tiefster, taufende von verschiedenen Kreisen, die in zwischen inne- stehendcr Cultur noch leben. Genau so verschieden werden sich die Begehren schattiren, die unter den Menschen nach einer Behandlung ihrer Leiden, d. h. nach den Ärzten sich zu erkennen geben. Wenn in Berlin z. B. in einem der Wohlhabenheit und der Bildung nach gleichem Kreise von Bewohnern vielleicht schon 100 Familien einem Arzt eine hinreichende Berufsthätigkeit gewähren, um seine Existenz zu begründen, so thuen dasselbe in einer kleinen *) Wir wollen diesen Ausdruck für die Classe der Ärzte vorläufig beibehalten, die mit ihrem Erwerb lediglich auf die freie ärztliche Praxis angewiesen sind vls ä vis jenen Ärzten, deren Praxis im Dienst der Staatsgewalt eine gebundene ist. 16 Provinzialstadt kaum 1000, unter einer armen ländlichen Bevölkerung herrscht aber gar kein Begehr nach einem Arzt, nicht etwa, weil die Leute so gesund wären, daß sie keinen brauchten, sondern weil in ihrem Kreis der Werth eines Individuums noch lange nicht ein solcher ist, daß sie die sie drückenden Krankheiten deö pecnniären Opfers werth hielten, das mit dem Rufen eines Arztes verbunden ist. In Berlin waren bei einer Bevölkerung von 423,846 E. (ausschließlich des Militärs) zu Ende des Jahres 1852 447 Ärzte und nur 86 Wundärzte I. n. II. Cl. thätig und es kam somit 1 Arzt auf mir 948 E., 1 Wundarzt aus 4928 E., während in einigen Theilen Baierns 1 Arzt auf 5136 E., im Iaxtkreis Würtcmbergs 1 Arzt auf 4628 E. kommen, wobei die große Zahl von Wundärzten I. Classe mit unter den Ärzten zählt, und noch eine viel höhere Zahl von E. auf 1 Arzt kommen würde, wenn die Zahl der Ärzte allein wie in Berlin zu der Bcwoh- nerzahl wäre in Rechnung gebracht worden. Rechnet man in Berlin wie es in den beiden andern Fällen geschehen ist, so kommen dort sogar nur 795 E. auf 1 Arzt, in dem baierischen Kreis 5136. Wir haben im ersteren Fall also ein fast 7mal so großes Begehren nach Ärzten, als im letzteren, oder es könnte bei derselben Anzahl seiner Ärzte Berlin von 2,737,488 E. bewohnt sein, wenn die Bevölkerung nur das Begehren nach Ärzten hätte, das jener baierische Kreis ergibt. — Das Bedürfniß nach Ärzten vermag allein über deren Anzahl zu entscheiden, d. h. keine Gewalt vermag es, der Bevölkerung ein anderes Maaß ärztlicher Hilfe aufzudrängen, als sie das in ihr selbst liegende Cultur- und Bildungsmaaß nach solcher verlangen läßt. Auch die ärztliche Concnrrenz vermag >1 1 ? das Maaß des Begehrs nach Ärzten nicht zu heben, sondern dasselbe nur zu beeinträchtigen, wie wir weiter unten zeigen werden. — Sogenannt müssig gewordene Menschen, Großeltern, Auszügler auf dem Lande gehen sehr oft schon in den 60er Jahren zur Ruhe, ohne daß eine andere Euthanasie an ihr Krankenlager getreten wäre, als zu der ihnen die Last wird, sich im Kreis der Familie, in demselben Haus übrig zu fühlen, das von den Tropfen ihres Schweißes aufcrbaut ist. — Ist es ja den praktischen Ärzten allen wohlbekannt, daß die Landleute in der Regel in viel sorglicher Weise Hilfe suchen, wenn das Muttcrschwein oder die Kuh krank wird, als wenn ein Glied der Familie erkrankt. Wie lange lebt auch oft solch eine unverwüstlich kräftige Bauernnatur mit einem Typhus in Ambulation, ehe er sich bei dem Arzt beklagt »er sei unpaß". Ein Mädchen hatte zur Zeit ihrer Menstruation, spät Abend im März, schwitzend vorn 3 Stunden entfernten Markt kommend, hochaufgeschürzt trotzallcdem eine Furt der gerade niedrigen Saale durchwatet und kam 3 Monate später zu mir, an einem Lungenleidcn unheilbar- krank. Wegen der erkrankten Kuh hätte der Bauer andern Tags zum Schmied geschickt. Die Magd hatte eine ganz andere sociale Dignität für ihn. Es gab keinen Begehr noch Hilfe für diesen Fall der Erkrankung. Nun ich kann hier wohl abbrechen in der Beibringung von Beweisen, daß für dieses Begehren nichts, gar nichts als eben der Culturzustand des Kreises, der Gemeinde, der Bevölkerung entscheiden kann, in der eben der Arzt lebt, in der schließlich auch die Frage entschieden werden 2 -t 18 soll, ob der ärztliche Stand in Concurrenz lebt oder nicht? Recht nachdrücklich hinweisen will ich nur noch, wie die Staatsgewalt auch bei dem besten Willen hier gar nichts ausrichten kann, ausgenommen, sie erklärt einen Kreis für arm, für seiner gemeindlichen Selbstständigkeit im Staatskörper verlustig. — Angenommen der Staat kennt auf Grund guter statistischer Erhebungen genau das große Maaß der älrank- hcitsobjecte, die ohne ärztliche Hilfe bleiben, ist genau über das durchschnittliche Lebensalter unterrichtet, das in dem oder jenem Theil des Landes erreicht wird, hilft es ihm irgend Etwas, zu decretiren, daß in diesem Landestheil es an ärztlicher Hilfe mangelt und daß sich dort noch mehr Ärzte niederlassen müssen? Gewiß nicht! Und decretirte cr's auch, griffe er selbst vorübergehend an solchem Ort einem Arzt bei dessen Domicilirung unter den Arm, es wird ihm nichts helfen, solange nicht dein Begehr nach Hilfe, dem Verlangen nach einem Arzt von der Bevölkerung selbst nachgegangen und nachgehangen wird. Über das Maaß dessen, was behandelt werden soll bei einem Individuum oder in einem großen Kreis derselben, so lange sie ihre bürgerliche Selbstständigkeit noch nicht verloren haben, steht keiner Gewalt, keiner zweiten Person, auch nur die Möglichkeit einer Entscheidung offen. Darüber kann sich kein der Verhältnisse wirklich Kundiger täuschen. Der Lohn der freipracticirenden Ärzte also hängt von der Art des Begehrs nach Hilfe ab, der in dem fraglichen Bevölkerungskreise zu finden ist. — Was hilft und was kann da alles Streben und Versuchen helfen, dem freipracticirenden Arzt zu einem mittelbaren 19 Staatsdiener zu machen, was kann es frommen, ihn zu verpflichten, überall uneigennützig und treu und gewissenhaft bei Tag und Nacht den Notleidenden zu helfen, "die Armen weniger nicht als die Reichen gleich sorgfältig zu behandeln," was kann es irgend für einen Erfolg haben, daß die staatliche Gewalt hiermit und mit allen ähnlichen Mitteln, die dem Publikum treue und gute Ärzte sichern sollen, vorgeht, so lange der Arzt mit seinem Lohn lediglich und allein an den Begehr der Menschen gewiesen ist? Die Erfahrung bestätigt es zur Genüge, daß die Noth der Ärzte um ihr eigenes Fortkommen, die Sorge um das tägliche Brod bei Weitem größer ist, als daß sie nicht untreu an jener von, Staat ihnen auferlegten Pflicht würden und werden müßten. Wir haben mit keinem Worte bisher noch der Armenärzte gedacht. Wir thaten es aus Nothwendigkeit nicht. Ihre Stellung verlangt unsere besondere Betrachtung. Der Staat, einem falschen Princip in der Behandlung der Armen folgend, wollte oder gedachte es wenigstens zu wollen, daß den Armen in Erkrankungsfällen ärztliche Hilfe zu Theil werde. Er glaubte, es sei ein Leichtes, zu bestimmen, daß die Armen bis zu einem gewissen Grad in .Krankheiten Hilfe haben konnten. Während im freien bürgerlichen Leben der Kranke selbst bestimmt, ob und wie ihm geholfen werden soll, wollte im Kreis der Armen der Staat diese Bestimmung für das kranke Individuum übernehmen. Der Mittel und Wege, diese ihre Absicht zu erreichen, ergriff die staatliche Gewalt dort die, anderswo jene. Im Herzogthuin Sachsen Coburg-Gotha ist das Gouvernement in seiner Fürsorge für die kranken Armen so weit gegangen, daß auf dem Land z. B. es 2 * 20 dcm Ermessen des Ortsvorstandes anheimgegeben ist, in Erkrankungsfällen von Armen einen Arzt rufen zu lassen, der seine Wege aus Landesmitteln vergütet erhält und es erreicht dort diese Ausgabe eine nicht unbeträchtliche Hohe. Anderswo stellte die Regierung Armenärzte an, die sie bald besoldete, bald aus den jüngeren Kräften wählte, denen namentlich in größeren Städten die Armcnpraxis der ganz erwünschte Schlüssel war, sich die Pforten für eine lohnende Praxis zu öffnen, und die durchaus keine Besoldung für diese oft Jahre lang von ihnen ausgeübte Armenpraxis erhielten. Man sieht allen diesen gesetzlichen Vorschriften über das Armen-Medizinalwesen die großen Schwierigkeiten an, mit denen jene zu kämpfen haben. Soll den kranken Armen, namentlich in armen Landestheilen, die von den Folgen arger Güterzersplitterung heimgesucht sind oder wo der Fluch künstlich erzeugter Industrie auf der Arbeitcrbcvölkcruug ruht, nur etwas ausgiebig und sorglich ärztliche Hilfe gebracht werden, so erfordert das große pccuniärc Opfer vom Staat, da die fraglichen Gemeinden sie aufzubringen gar nicht im Stande sind. — Es gibt viele Gegenden in Deutschland, wo ein Armenkrcis in einer Bevölkerung von 5000 Seelen einen Arzt vollkommen beschäftigen könnte, und eine solche ärztliche Hilfe ist mit dem Aufwand für alle medikamentöse, wundärztliche, Krankenwärter- und alle sonstige Hilfe, die eine nur etwas genügende Behandlung kranker Armer erheischt, mit weniger als 1000 Thaler gar nicht zu erreichen möglich. Wenn's hoch kommt, kostet aber jetzt die Fürsorge für die Kranken in einem Armcnbezirk der Gemeinde ein, höchstens zwei Hundrt Thaler. — Ausnahmen treten nur dann ein, wenn, wie es jetzt da und dort in 21 unserm Vaterland regelmäßig sich zu ereignen scheint, der Hungertyphus in armen Bezirken anspricht und der Staat zu außerordentlichen Hilfsmitteln seine Zuflucht nehmen muß. Diese Zwitterstcllung, in die der Staat mit seinem Wollen auf der einen und mit der Unmöglichkeit, das Wollen zu vollbringen, auf der andern Seite gerathen ist, prägt sich denn nun auch natürlich in der Stellung der Armenärzte aus. Sie gehören nicht dem Leben der Staatsgewalt allein an, sonst müßten sie von ihm wesentlich in ihrer Existenz sicher gestellt sein, sie dienen nicht dem Zweck, dem sie dienen sollen, denn umsonst opfert eben Niemand seine Kräfte, und so bleibt von ihrer Stellung namentlich nur der "Name übrig, die Thätigkeit der Armenärzte crystallisirt in großem Theil nur in gedruckten und geschriebenen Verordnungen aus. — Reell ist der Arme in den bei Weitem meisten Fällen in der Noth der Krankheit ohne Hilfe, und es sind nur die Spitzen der körperlichen Leiden der Behandlung sicher. Jeder Arzt weiß aber, daß nicht das fertige, sondern das keimende Übel der eigentliche Gegenstand unserer Hilfe ist. — Später davon, wo unserer Meinung nach der Armenarzt seine Stellung zu suchen, resp. von woher er solche zu erhalten habe. So weit mußten wir uns vorläufig auf die sociale Stellung der Ärzte einlassen, wenn wir in den folgenden Skizzen über die Stellung der Ärzte in der Eoncnrrcnz nicht gleich vornherein uns den unangenehmen Vorwurf zuziehen wollten, daß wir nur zu tadeln vermöchten. Wir mußten jenes aber ferner auch deshalb thun, weil nur an der oben gegebenen Zeichnung von deren socialer Stellung das höchst Traurige und Unglückliche von ihrem Leben in der Concurrenz, wie der Schatten neben jenem Rahmen sich absetzen konnte. Wir wollen nun unsere Blicke auf das Bild der in Concurrenz lebenden Ärzte fallen und ihre Stellung dort nach drei verschiedenen Seiten an uns vorübergehen lassen. Wir betrachten den in Concurrenz lebenden Arzt erstens in seiner Stellung zur Wissenschaft, um ihn dann ferner in seiner rein persönlichen, moralischen, also bürgerlichen Situation und endlich in seiner Wirksamkeit als Arzt, also dem Publikum gegenüber, zu verfolgen. Heimkehrt der junge Doctor aus den Armen der Wissenschaft in den Kreis der Seinen, die schon angefangen, in Sorgen seiner Zukunft zu denken. Thaten sie diesen Blick 5—6 Jahre früher, so wäre es an der Zeit gewesen, jetzt ist's zu spät, als daß er noch rechte Früchte tragen könnte. Der Beruf ist gewählt, es sind der Wahl während der eben vollendeten Studienzeit schon schwere Opfer gebracht worden, zur Umkehr ist jetzt keine Zeit. Der junge Mann weiß auch die Bedenken seiner Angehörigen etwas zu verscheuchen, er selbst ist im guten Glauben au seine Kenntnisse, seinen Willen, seinen Eifer zuversichtlich, thätig sein zu können. Da und dort lebt ja noch, wenn auch in voller Rüstigkeit, ein älterer Arzt, der sich gut, zum Theil recht gut nährt. Du bist jung, Du hast Neueres mit Dir. Du bist der physikalischen Diagnose mächtig, d. h. der Hilfsmittel im Erkennen der Krankheiten, die die neueren Zweige der Heilkunde Dir ausschließen. Verheirathet ist ja der junge Doctor noch nicht und so wird denn der Stab des Äsculap weiter gebraucht, eine bürgerliche Existenz zu begründen. Es vergeht ein, es vergehen mehrere Jahre wechselnder Art. Fast nie 23 fehlt in der Concurrenz eine Periode, wo der neu eintretende Arzt nicht der Löwe des Tags, wenigstens der Löwe der armen Kranken wäre. Es blüht sein Glück, er wird gesucht. Die Collegen sehen scheel darein. Der Eifer für die Wissenschaft verdunkelt so manchen Blick in die Nähe. Der junge Arzt sieht nicht, wie wenig von all seiner Gabe wirklich an den Mann kommt. Das Publikum beobachtet so eine Weile den neuen Propheten mit dem ihm eigenen Mißtrauen und schätzt ihn schließlich nach den gemachten Euren ab. Findet es da kein erheblich anderes Facit, als das es zu finden bei den von ihm bisher gebrauchten Ärzten gewohnt war, so wendet es sich über kurz oder lang mit ziemlich gleicher Eile vom neuen Helfer p weg, als es sich ihm in die Arme geworfen. Da steht nun der Jünger einer herrlichen Wissenschaft mit bürgerlich leeren Händen. Was bleibt ihm? Du sagst, er kann und wird an seiner Kunst seine Kräfte stählen, er wird ihr ausschließlicher eine Zeit laug seine Kräfte widmen, bis eine bessere Zeit ihm eine stätigere Kundschaft zuführt. — Es ist dies auch eine Hoffnung, die die Sei- nigen auf ihn setzen, hatte er doch sein Staatsexamen LNM lauäv bestanden und wäre es doch nicht gut, wenn er nicht in einer Zeit des für vorübergehend gehaltenen Stillstandes in seiner praktischen Thätigkeit schriftstellerisch thätig sein könnte. So urtheilt das Publikum, das seine Lage vorübergehend schon bedauerlich findet. Nun wie steht es mit diesem Feder-Dienst für die Wissenschaft? Da sieht es denn freilich in Wirklichkeit ganz anders aus. In der Medizin, wie in allen anderen naturwissenschaftlichen Disciplinen sind die Mittel, mit denen gearbeitet und geschürft wird, zu einer so ganz eminenten Breite 24 angewachsen, daß es der einzelnen Kraft gar nicht mehr möglich ist, jene zu übersehen. Eine Sammelarbeit im Gebiet der Heilkunde ist jetzt absolut unmöglich. Seit die Chemie, die Physik, die Mikroscopie in allen ihren vielfältigen einzelnen Disciplinen überallhin neues Licht geworfen, breiten sich die einzelnen Zweige der Heilkunde zu einer solchen Ausdehnung, daß ein Beherrschen all dieses Materials in einer Weise, die ein Verwerthen desselben durch die Feder rechtfertigte, unmöglich ist. — Wie hielt dagegen oder wie glaubte wenigstens der frühere erfahrene Practikus das Feld seiner Beobachtung in der Hand zu halten, wie sicher diagnosticirte er, wie sicher glaubte er an die Wirkung seiner Medicamcnte, wie pochte er auf die Indicativ», die ihm die Anwendung derselben ex urtis vorschrieb! Wie ganz anders ist das Alles jetzt! Wenn jetzt der wissenschaftlich handelnde Arzt in Berlin mit dem Zucker enthaltenden Harn des Diabetikers, d. h. des an Zuckcrharnruhr Kranken, zu dem Apotheker geht und sich an einem Polarimcter die Procente ablesen läßt, in denen der Zucker heute, in denen er gestern dem Harn beigemengt war, wenn der Operateur eine aus dem Körper hcrausgetrcnnte Geschwulst dem pathologischen Anatom, d. h. dem Mann zuschickt, der sich ausschließlich mit der Beschaffenheit der kranken Gewebe beschäftigt, um genau über den Charakter und die "Art jener Geschwulst unterrichtet zu werden, wenn der um ein Urtheil über ein Augenleiden angegangene Arzt den mit der Anwendung eines Augenspiegels vertraut gewordenen Ophthalmologcn zu Rathe zieht, wenn es sich bei einer Frage nach der Diät, wenn es sich bei der "Nahrung einer Frau, eines Kindes um ein rationelles 25 Urtheil handelt und der einzig kompetente Richter, der mit der Phyto- und Zoochcmie, d. h. mit der Lehre von der stofflichen Beschaffenheit der Pflanzen und Thiere vertraute Chemiker ist, wenn im Fall eines wechselvoll gestalteten Brustleidens einzig und allein die Stethoscopie und Plessimetrie des Brustkastens über die Erkrankung entscheiden kann, d. h. die ganz genaue Kunde von den Erscheinungen, die die krankhaften Veränderungen von Lunge und Herz durch Geräusch und Schall ergeben, und wenn der Arzt jetzt die Symptome bei einem hämorrho- gischen Lungeninfarkt, d. i. einem Bluterguß in das Lungen- gewebe, genau zu trennen weiß von der okla xotriäg. einer »Brustentzündung," die der Practikcr sonst »heilte," und wenn es am Tage liegt, wie wenn auch vielleicht nicht entscheidend für die Behandlung im Fieber, doch jene Unterscheidung für die zukünftige Lebensdiät des Erkrankten ist, kürz wenn fast in jedem Krankheitsfall heutzutage gerade so viele Kenntniß exacter Empirie, d. h. einzelner durch das untrügerischc naturwissenschaftliche Experiment festgestellter Thatsachen erheischt wird, als früher das Wissen für infatlibel gehaltener shstemgcrcchtcr Lehren: so liegt doch wohl am Tage, wie auch nur die Detailforschung es sein kaun, von der bei den Kräften des Einzelnen ein Erfolg zu erwarten ist. — Und die Einzelarbeit in der Hcilwissenschaft, ist sie denn dem Arzt, der die Praxis zu seinem Beruf erkoren, möglich? Ganz abgesehen von den kostspieligen Apparaten, die nöthig sind, um Untersuchungen in der Gewebelehre, in der organischen Analyse, in der Nervenphhsiologie, in einer physikalischen Disciplin der Heilkunde oder wo sonst immer zu- machen, ist das Gewärtigsein des Rufes, das der Prak- 26 tiker beachten muß, ein Hinderniß für jede Detail-Forschung, das nicht zu beseitigen ist. Das war wohl sonst ganz anders. Da galt es Bücher- Gelehrsamkeit vor Allem. Da war es noch möglich, aus zehn alten Büchern ein gutes, wenigstens gelesenes neues zu schreiben. Da lohnte die bloße Büchcrkunde und Bücherweisheit noch in den Naturwissenschaften. Heutzutage herrscht das Experiment. Sonst galt Bclesenheit, jetzt Treue der Beobachtung. — Sonst entschied ein philosophisches Beherrschen, eine angeblich logische, systematische Kunde in einer Disciplin, heute macht es den Forscher zum Meister, wenn sein Experiment besteht. — Es werden neuerer Zeit da und dort Versuche gemacht, die praktische Heilkunde durch ein Sammeln der Beobachtungen der praktischen Ärzte zu fördern. Erst mögen sich die Ärzte sammeln, ehe an einen Werth ihrer Beobachtungen zu denken ist. — Auf den wissenschaftlichen Werth von Resultaten, die die praktischen Ärzte erzielt zu haben meinen, so lange sie die Concurrenz zur Lüge vcrurtheilt, ist nichts zu geben. Erst mag der Stand der praktischen Ärzte sich corpo- riren, erst mag ihr Dienst im socialen Leben ein geordneter sein, ehe zu erwarten steht, daß der Dienst, den die Wissenschaft von ihnen fordert, ein geordneter ist. — Kurz Niemand wird behaupten wollen, der Stand des praktischen Arztes sei geeignet, ihn heutzutage dem wissenschaftlichen Experiment dienen zu lassen. So ist nach einer Seite hin das Band zerschnitten, das ihn zur Zeit seiner Studien an den Beruf, den er erwählt, fesselte. Die zoologischen Sammlungen, die pharmakologischen Ca- binette, die anatomischen Theater, die Physiologischen In- 27 stitute, die chemischen Laboratorien, die klinischen Hörsäle mit ihrem Experiment, sie sind ihm wie die goldene Zeit entrückt, in der er sich einen Student, einen "Mit Fleiß Arbeitenden" nannte. — Productiv also, d. h. selbst die Wissenschaft fördernd und erweiternd, kann der praktische Arzt nicht sein, mag er in der Concurrenz leben und also mehr oder weniger Muse haben, oder mag er vor Concurrenz geschützt sein und eine gesicherte sociale Stellung einnehmen. Wie steht es aber mit der receptiven wissenschaftlichen Thätigkeit, d. h. mit der Fortbildung des Arztes durch Aufnahme dessen, was die wissenschaftlichen Arbeiten Am derer ihm bieten? Nun hier appellirc ich an das Urtheil aller Derer, die irgend einer praktischen Berufsthätigkeit iin Leben angehören und frage sie, ob sie eher Interesse und Lust und Liebe zur Fortbildung in ihrer Fachwissenschaft haben, wenn sie die Stimmen und Resultate derselben prüfen und erproben können an ihrer Tage Arbeit, am saftigen Grün ihres frischen Tagwerks, d. i. an dem lebendigen Verkehr ihres praktischen Berufes, oder wenn sie die Forschungen und Erfahrungen der Wissenschaft lesen und lesen und excerpiren und notircn und sehnend nach der Zeit aussehen, wo es ihnen vergönnt sein möchte, ihr Wissen und Keimen an den Mann zu bringen und neues Wissen zu prüfen und zu nützen? Wird der des Baufachs Kundige die Fortschritte der Technik, die Resultate mühevoller mathematischer Arbeit freudiger und mit mehr Eifer verfolgen, wenn das praktische Leben ihm Gelegenheit bietet, jene zu nützen, oder wenn er zum Warten, zum Zusehen vcrurthcilt, unthätig über seinen Plänen sinnt? Wird ein Cameralist eher nach den Bü- 28 chern der Statistik greifen, eher aus den Zahlen statistischer Erhebungen nach Belehrung suchen, wenn er auf dem Wartestuhl sitzt und keine Stelle in der Verwaltung ihn thätig sein läßt oder wenn er mit Herz und Hand in seinem Beruf wirkt und sich sorglich um das Wohl des ihm anvertraucten Kreises kümmert? Wird ein Pädagog lieber und gerner der Fortbildung des Lehrfachs nachgehen, mit mehr innerem Trieb den Lehren der physiologischen Psychologie folgen, wenn er mitten in einem -kreis der Jugend arbeitet und wirkt oder wenn er, brach gelegt durch einen Mangel des Begehrs nach einem tüchtigen Lehrer, sein Wissen und seinen Eifer nicht bethätigen kann durch die That? Darüber, so sollte man wenigstens meinen / könnte kein Zweifel sein, und es wäre demnach natürlicher, daß der beschäftigte Arzt nach dem / Weben des Geistes in seiner Wissenschaft früge, als der in Concurrcnz lebende, als der, der daheim seufzend nach der leeren Tafel vor seiner Thür blickt. — Und doch wird uns entgegnet, das tägliche Leben lehrt's anders. Gerade der beschäftigte Arzt steht seiner Wissenschaft ferner, als der mit unfreiwilliger Muse begnadigte. Es ist bekannt, so hören wir, wie die sogenannten renommirtcn Ärzte in den großen Städten ihre Musezeit an nichts weniger als an die Wissenschaft wenden. Es sind die Hamburger, die Wiener Ärzte allgemein als die „großen Geschäftsmänner" bekannt. Die ganz eminente Thätigkeit solcher Practiker läßt sie neben dem „Geschäft" auch ganz unmöglich zu irgend einem Studium kommen. Die Leibärzte unserer Regenten gehören meist zu den praktisch gesuchtesten Männern und es ist den offiziellen Bulletins bei Erkrankungsfällen in jenen hohen Familien meist der 29 Stempel wissenschaftlicher Ignoranz, wenigstens der Gebrauch jener Schul-Charlatanerie aufgedrückt, die nimmermehr vor den Forschungen der Gegenwart sich wird Vertrauen erwerben können. Woher kommt das? Wie verhält sich das zu der eben von uns als natürlich bezeichneten Lust des Practi- kers nach dem grünenden Baum seiner Wissenschaft? Nun der Baum war eben keiner mit frischem Reis, sondern einer am todten Wissenskram verdorreter. Die frühere ärztliche Wissenschaft war durch maaßlose Shstemreiterei entsetzlich entwerthet. — Die Kranken wurden unter der Bettdecke behandelt. Wie viel eingeklemmte Brüche regi- strirten früher unter dem vagen Rainen einer Untcrleibs- entzündung! Wenn statt einer gründlichen Untersuchung des Kranken, statt einer strengen Frage nach dem Wo und Wie der Krankheit sich die früher studirendcn Ärzte dabei begnügen mußten, nach der Regel eines Schulbe- griffs zu handeln, so konnte es unmöglich geschehen, daß diese Männer, wenn sie im späteren practischen Leben ihre natürliche und scharfe Beobachtungsgabe überzeugte, daß die Begriffe und Regeln der Schule im Leben selbst versagten und vor der nackten Wirklichkeit des natürlichen Geschehens sich zu trügerischen Phantasiecn verflüchtigten, ich sage, daß diese Männer jene ihre Wissenschaft lieb gewannen. Mühsam hatten sie müssen vergessen lernen, was ihnen die Theorie als das Salz der Wahrheit aufgetischt hatte. "Hat man doch, wie es Licbig so scharf zeichnet, Jahrhunderte lang in der Medicin versucht, in den Besitz von Heilmethoden oder zur Erkenntniß von Krankheitszuständen durch die Einbildungskraft in den sogenannten Heilshstemen zu gelangen, wie wenn es möglich, oder nur weise und klug wäre, eine wahre Einsicht, die Erleuchtung des Geistes oder ein intellcctuelles Vermögen von dem unsichersten und gefährlichsten aller Glücksspiele zu erwarten." Es entstanden jene Naturalisten unter den Ärzten, die jetzt noch fast aller Orten unter den älteren Ärzten zu finden sind, vor deren oft wunderbar scharfer Beobachtung die jüngere Generation der Collegen eher den Hut abziehen sollte, als daß sie mit der Pictätlosig- kcit unserer Zeit über diese Männer als auf dem Forum der heutigen Wissenschaft Unberechtigte und deshalb Unbrauchbare den Stab zu brechen sich verleiten läßt/ Gerade die jüngeren Ärzte mit der Ironie ihrer exspcctativen, d. h. die Hände in den Schooß legenden Heilmethode hätten oft genug Ursache, jene erfahrenen Naturalisten um die Erfolge, wenn auch nicht ihrer medikamentösen doch diätetischen Behandlung zu beneiden. Wir versagen uns nicht, hier eine die bald überwundene ärztliche Anschauungsweise jener früheren Zeit treffend charakterisircnde Stelle aus Försters *) pathologischer Anatomie anzuführen. Dort heißt es: »DcrSymp- "tomatiker geht bei der Beobachtung kranker Menschen "imd seinen Reflexionen über dieselben ungefähr so zu »Werke, wie der Laie; er faßt bei einem Kranken aus- »schließlich die ungewöhnlichen Erscheinungen in's Auge »und stellt diese als etwas in sich Abgerundetes und »Selbstständigcs dem gesunden Körper gegenüber, betrachtet »sie als etwas der Gesundheit, dem Leben Fremdes, Feind- »seliges und nennt den Complex dieser Erscheinungen *) Lehrbuch der pathologischen Anatomie von Dr. A. Förster, Pros. zu Göttingen. 3te Aufl. Jena, Mauke 53. 2. 31 «Krankheit. Da er sieht, daß sich bei vielen Krankheiten "dieselben Erscheinungen in derselben Reihenfolge wieder- »holen, faßt er die gleichartigen Erscheinungsreihen zusammen, und macht sie zu Krankheiten, Krankheitspro- „zesscn. Indem er sich bei dieser naiven und scheinbar "natürlichen Auffassung daran gewöhnt, Gesundheit "und Krankheit als streng gegenüberstehende Begriffe „anzusehen, fängt er ganz unwillkürlich an, beide zu per- "sonificiren und stellt der Gesundheit, als einem Wesen, „dessen Kennzeichen die gewöhnlichen Körperfunctionen sind, „die Krankheit als ein feindliches Wesen gegenüber, dessen „Kennzeichen die ungewöhnlichen Erscheinungen sind. — „Die Functiouen des normalen Körpers werden so die „Funktionen der Gesundheit, die des kranken zu Functio- »nen der Krankheit oder wohl auch der Naturheil- l „kraft, welche man als drittes Wesen hereinzieht und „durch gewisse Kennzeichen charakterisirt; der Körper wird „der Tummelplatz dieser drei Gewalten. Für gewöhnlich „bewohnt die Gesundheit den Körper, zuweilen aber kommt „eine Krankheit und „befällt" denselben; nachdem sie im „Körper eingezogen, nimmt sie ihren „Sitz" irgendwo, „z. B. im Gehirn, im Darm u. s. w., sie zieht wohl auch „umher und befällt ein Organ nach dem andern, zuweilen „ziehen auch zwei Krankheiten zu gleicher Zeit ein, gerathen mit einander in Streit und überwältigen einan- „der, oder sie vertragen sich, erzeugen wohl auch eine »dritte. Gegen diesen Eindringling, die Krankheit, rückt "nun die Naturheilkraft in's Feld. welche, wie das per- "sonificirte Gewissen, stets im Menschen verborgen liegt, „um zur passenden Zeit loszubrechen; die Erscheinungen „während des Kampfes sind theils Lebensäußcrungen der 32 „Krankheit, theils der Naturheilkraft. Heilung ist Sieg „der letzteren und besteht in Entfernung der Krankheit „aus dem Körper, Tod ist Sieg der Krankheit, welche „freilich mit dem gemordeten Körper zugleich stirbt." Und weiter unten px. 4., „Die Therapie des Shmptomatikers „ist verschieden, je nach der Bildungsstufe des Einzelnen; „für die Rohesten besteht sie darin, die gegen die Shmp- „tomencomplexe erfahrungsgemäß erprobten Arzneimittel „richtig zu wissen und zu verordnen. Wie die Shmpto- „mencomplexc dogmatisch fest stehen als bestimmte speci- „fische Krankheits-Individuen, so stehen auch die gegen „sie anwendbaren Mittel als specifische da, der Krank- „heitsname entspricht dem Mittel, Katarrh ist gleich Sal- „miak u. s. w." ff. Und endlich xx. 5. heißt es im Geist jener Schule: „Da wir nun nach tausendjähriger „Erfahrung wissen, daß wirklich Krankheiten auf diesem „Wege geheilt werden können, so ist uns der richtige Weg „gezeigt; es ist also ganz einerlei, ob eine Shmptomen- „gruppe, welche wir z. B. Ii^ärovvxbkUus aeutus getauft haben, auch wirklich durch Wassererguß in die Hirn- „höhlen bedingt ist, wenn nur die Symptomen- „gruppe durch unsere Mittel beseitigt und „der Kranke gesund wird. Anatomie und Phhsio- „logie, die normale und die pathologische, sind unnützer, „gelehrter Ballast, der aus der therapeutischen Galeere „geworfen werden muß, deren Flagge, als die höchste „Spitze der Medicin, das Recept ist. — So die Practiker, „welche ihr Geschäft mit Bewußtsein treiben. Wäre dem „so, wie sie sagen, so würde unsere Medicin zwar zu „einem einfachen Handwerke herabsinkcn, der kranken „Menschheit jedoch wäre geholfen. Doch ist dieses Rai- d k. d Ä s- d, b si r st S h< w d< C E lii "somiemeiit nicht richtig, denn so sehr auch der Therapie "der Charakter einer empirischen Wissenschaft vindicirt »werden muß, so steht doch auf der anderen Seite fest, "daß sie auf Anatomie und Physiologie des gesunden und "tranken Körpers, als nothwendigem Rückhalt, fußen muß, "wenn sie nicht, phantastischer Willkühr und blindem Tra- "ditionSglauben preisgegeben, der Lüge anheimfallen soll. »Der heutige Zustand unserer Therapie zeigt nur zu gut, "waö die „tausendjährige Erfahrung" ohne die genannte --Basis geleistet hat.« Einer solchen Wissenschaft gegenüber ist es nicht wunderbar, wenn wir die Practiker ihr im Leben den Rücken kehren sehen, und es ist damit hinreichend die Erscheinung des Lebens erklärt, daß gerade die beschäftigten älteren Ärzte nichts von dem Treiben und Schürfen der Wissenschaft wissen wollen. Es ist dies, sage ich, natürlich, denn die Wissenschaft zu ihrer Studienzeit war ein todter, unbrauchbarer Wissenskram und die neuere Lehre kennen sie nicht. Feststehen daneben wird aber trotzdem unsere frühere Behauptung, daß für den praktischen Arzt eine rechte Menge zu beobachtenden Materials, ein häufiges Ange- sprochenwerdcn um Hilfe ihn fester und freudiger am Schürfen und Weben und Forschen in seiner Wissenschaft hangen und ihr seinen aufmerksamsten Blick folgen lassen wird, als der auch noch so begeistert gewesene Jünger des Äsculap, wenn er an den vertrocknenden Strand der Concurrcnz geworfen ist, vorausgesetzt natürlich, daß der Erstere dem Geist der gegenwärtigen Medicin auch wirklich zu folgen vermag. 34 So, sehen wir, wird es aber auch der in Concurrenz lebende Arzt nicht sein, der Freude findet an receptiver wissenschaftlicher Thätigkeit, er wird es nicht sein, von dem das Publikum wird erwarten können, daß er mit Lust und Liebe fortstudirt. Es ist aber noch ein Umstand, den wir nicht übersehen dürfen, wo es sich um ein Bild handelt, in dem der in Concurrenz lebende Arzt in seiner Stellung zur Wissenschaft betrachtet wird. Die Concurrenz drängt den Arzt, seine nüchterne, ruhige Beobachtung, sein zuwartendes und nur dem Laien als Unthätigkeit erscheinendes Behandeln aufzugeben und wenigstens in einigen Verkehr mit der Charlatancrie, zu deutsch mit der Lüge zu treten. „Klappern gehört ja nun einmal zum Handwerk." Wenn der Arzt ringsum die Collegen Chamade schlagen sieht vor dem Bildungsstand der Laien, wenn er wiederholt mit Kolbcnschlägcn daran erinnert wird „deine Wahrheit, deine Nüchternheit, dein offenes Geständniß, deine dürre und nackte Erklärung, dein bestimmtes Verlangen, will das Publikum nicht, es sieht dich ja fragend und oft genug seine Mißbilligung dabei nicht verbergend darauf an, wenn du ihm das Beste gibst, was du bieten kannst," ich sage, wenn der in Concurrenz lebende, auf die Praxis angewiesene Arzt dies um sich vorgehen und die Position seiner praktischen Thätigkeit von dem Einen eben, was sie festigen soll, von dem zu ihm Kommen, und dem bei ihm Hilfe Suchen verlassen sieht: ist da wohl zu erwarten, daß der junge oder auch im Misere seiner Stellung schon älter gewordene Arzt immer noch fest an seiner Ueberzeugung hält, immer noch treu und wahr dem Verlangen der Wissenschaft dient? 35 Gewiß nicht und daß dem eben nicht so ist und ganz natürlich nicht so ist, das sehen wir auch als den Grund, der dahin wirkt, daß jüngere, wirklich physiologisch gebildete Ärzte in einem verhältnißmäßig kurzen Zeitraum zu Renegaten an ihrer besseren Überzeugung werden, daß die neuere Wissenschaft die ihr während ihres Studiums Dienenden im practischen Leben wieder als Verlorene stehen sehen muß. — Wo Ärzte in Concurrenz leben, muß die wissenschaftliche Überzeugung betteln gehen. Der Laie, sei er Patient oder Angehöriger des Patienten, will etwas Bestimmtes, Zuverlässiges über den Krankheitsfall wissen. Er verlangt, daß wenigstens ein Name der Krankheit genannt werde. Man glaubt gar nicht, welche Gewalt in einem solchen Namen liegt, d. h. welche Beruhigung über die Menschen kommt, sobald der Arzt einen solchen Namen ausgesprochen hat. — Das Kind leidet au einem „Brustficbcr", der Mann hat ein „Gallcnstc- Ler", die Frau ist an einer „Vcrschleimung des Magens" erkrankt, der Wöchnerin ist die „Milch in den Kopf", zener ein „Verschlag in den Leib" getreten, ein Anderer leidet an „Grippe", dort wird eine „Hysterische" behandelt, jenen quält „Lcbcrkolik", noch ein Anderer ist an einem „gastrisch-rheumatischen Fieber" erkrankt, hier haben sie es mit den Folgen eines „unterdrückten Ausschlags" zu thun, dort stirbt eine Kranke an „Nervenvcrzehrnng", während eine Andere Hilfe gegen „Wassersucht" fand und in noch einem Fall der Arzt vergebens gegen einen „aus dem Magen kommenden Husten" oder gegen Krämpfe, und da zwar gegen ein ganzes Heer verschiedener Arten zu Felde zieht. — Versuche es nur hinzutreten und dem 3 * 36 Publikum ehrlich zu sagen, du habest es in dem Fall mit einer Störung des Blutkreislaufes, dort mit einem Miß- verhältniß in der Ernährung des Nervensystems, einer Atrophie, einer Hyperämie rc. zu thun, oder dort müsse eine Ausscheidung von Eiweiß, da eine Eiterabsetzung vorgegangen sein, in dem Falle wolltest du aber offen gestehen, daß du den weiteren Berlauf abwarten müßtest, um ein sicheres Urtheil auSzusprcchen; versuche es, die Achseln zu zucken zu der Weisheit eines andern Arztes, der mit jener bencidenswerth erscheinenden Sicherheit der Routine ein „rheumatisches Fieber« diagnosticirte, oder mit der „schwarzen Krankheit« seine Diagnose beschloß: und du wirst erleben müssen, die Wahrheit muß betteln gehen, sobald du der Concurrcnz als Arzt preisgegeben bist. Du kannst dich gegen diese Manier, anfänglich das Publikum und schließlich dich selbst mit zu belügen, stemmen, so lange du willst, ist dir es Nothwendigkeit, zu practiciren, so bleibt dir nichts übrig, als endlich dich mit dem beruhigenden Gewissen eines Abends niederzulegen, du hast heute den Dank, daß du die schwarze Krankheit mit der weißen Medicin so glücklich curirt hast, du hast die Anerkennung und das öffentliche Lob, du habest den Stickhusten mit raschem Blick in der Erkennung und mit sicherer Wahl des „sofort helfenden Mittels« mit großem Geschick behandelt, wirklich verdient, du bist ein kluger und gescheuter Doctor! Und was hat dabei die Wissenschaft gewonnen, wie hoch ist es dabei anzuschlagen, wenn der Arzt zehn mal die weiße oder braune Medicin in einem „ähnlichen« Falle hat helfen sehen! O welches beglückende Gefühl, daß nach Jahren langer Sorge ich doch noch ein gepriesener Routinier, doch noch ein gewandter 37 Charlatan geworden bin, daß ich eS noch gelernt habe, mich nnd das Publikum zu belügen! Apage Wissenschaft, du treulose Dirne, die du mir nicht einmal das Bischen tägliches Brod zu geben vermochtest, um das ich bettelte! Wie habe ich jetzt an der Routine, an dem Geschäft eine so treue Hilfe gefunden, wenigstens für meine bürgerliche Existenz! Oder sollte ich mit diesen Darstellungen um deswillen ungerecht sein, weil in anderer Weise der praktische, ärztliche Beruf sich gar nicht auffassen läßt? Ich höre folgendes Raisonnement: „Ja, eS ist recht leicht wohl, auf uns arme praktische Ärzte den Stein zu werfen und uns mit dem Vorwurf der Charlatancric zu befehden, aber sich wehren gegen die Anforderungen des Publikums, offen nnd ehrlich seiner besseren Überzeugung zu leben und zu handeln, das ist schwer, ja unmöglich, denn das Publikum will es nicht anders. Das nnunlu» vult, deeipi, vrAv <1ooiz)ikttur, muß der Arzt vor Allem beachtcn." Nnn hierauf erwiedere ich, wie ich wahrlich im Grund meines Herzens mit all den Kräften und dem rüstigen Wollen traurc um dieses Berdammtscins zur Lüge willen nnd wie dort, wo die quälende Nahrungssorge, die Furcht vor den, bürgerlichen Ruin mit ihrer Geißel redet, mir es nicht bcikommt, Steine werfen zu wollen, weil die Ärzte nicht zu Märtyrern ihrer Wissenschaft werden, aber beklagen muß ich eö auf das Tiefste, beklagen muß ich es um der Laien wie um der Ärzte selbst, wie um der Wissenschaft willen, weil es anders sein könnte, ja auf das aller Bestimmteste anders werden wird, sobald die Eoncurrcnz nicht mehr ihr zersetzendes Scheidcwasser auf das ärztliche Wissen und das ärztliche Wollen gießt. 38 Wo ein Arzt in einem Kreis lebt und treuen Herzens seine Pflicht thut und nicht stündlich die Hungerleiderei und die Noth und die Rivalität und die Jalousie, kurz die Concurrenz mit ihm zusammenlebender Ärzte zu fürchten hat, weil er vollkommen die Begehren befriedigen konnte, die die Bevölkerung dieses Kreises nach ärztlicher Hilfe hat, da ist er auch sofort Herr über die Stellung, die der ärztliche Stand verdient. — Bietet er dann die Wahrheit, stellt er dann seine bestimmten Forderungen in Bezug auf die einzuhaltende Diät, warnt er dann nachdrücklich in der rechten Zeit vor einer Lebensweise, die zu Krankwerden führen muß, treibt er dann keine Char- latanerie mit unnützem, leerem Wortspiel, überzeugt er dann die Kranken, wie ihre Folgsamkeit, ihre Diät, ihre Pflege, ihr Vertrauen, ihre Freuudesstellung zum Arzt und ihre damit verbundene Aufrichtigkeit sie geheilt, sie behütet, sie gekräftigt hat und sagt er ihnen offen, einen wie großen, entscheidenden Werth da und dort Medikamente haben, wie aber in dem und jenen Fall Medicin verwerflich sei und er viel zu viel Achtung vor ihnen habe, als daß er sie habe glauben machen und damit täuschen mögen, hier in dem Fall vermöge eine Medicin zu helfen, ja wie er es unrecht würde gehalten haben, sie um die Ausgabe in der Apotheke zu betrügen: so werden anfangs wohl Viele sein, denen das nicht behagt, Viele werden den Arzt gar nicht verstehen, weil ein früher von ihnen gebrauchter in schweigsamer, zurückhaltender Art sein Recept schrieb, den Namen der Krankheit nannte und den Kranken keinen weiteren Theil nehmen ließ an dem, was in und mit ihm vorging, aber das wird nach und nach, oft in überraschend kurzer Zeit anders werden. Jeder 39 Wahrheit, jedem Guten im Leben geht's so, als dem Arzt, der sich mit klugem aber festem Sinn der bisher gewohnten Charlatancrie entäußern will. — Anfangs sind der Jünger wenige, aber wo einer gewonnen wird, ist es nicht bloß ein Claqueur, nicht bloß einer, der einmal eine rühmende Annonye in das gelesene Wochenblatt für den Doctor einrücken läßt, sondern einer, den der Segen der einfachen und nüchternen Wahrheit wirklich packt und der Proselh- ten machen muß. Er kann gar nicht anders. *) Es ist derselbe Fall mit dem Geist, der in den Büchern einer Leihbibliothek steckt. Rathe einem solchen Bü- cherverleiber, er solle für seine verderbliche Nomanlitera- tur, für seine faule Novellistik, für seine mark- und saftlosen Taschenbücher gesunde Nahrung für unser Volk anschaffen, er solle vor Allem gute populäre naturwissenschaftliche Bücher kaufen, er solle historisch treue Lebensbeschreibungen von den Kirchenhelden, von treuen Herren und sorglichen Dienern auswählen, kurz Speise von Kraft und Saft, aufklärend und bildend über die unser Volk umgebenden Dinge und Interessen, so wird er dir antworten, das geht nicht, da sucht Niemand mehr bei mir nach Büchern, da bestehe ich die Concurrenz mit meinen Collegen nicht. — Und er hat Recht. — Bietet aber einmal, nicht gestört durch jene Concurrenz oder, wo mehr Leihbibliotheken Bedürfniß sind, nach vorausgegangener Übereinkunft mit ihren Collegen, jene Leseanstalt wirklich *) Leider kommt mir erst bei der Revision des Druckes dieser Bogen das treffliche Schriftchen von Dr. I. Goldschmidt in die HLnde „Die gesellschaftliche Stellung der Ärzte sonst und jetzt". — Oldenburg 1855. W. Berndt. Dort bitte ich nachzulesen das px. 90—109 Gesagte. 40 nur gute Schriften, ist einmal die alte Lüge des socialen Romans, die alte sinnliche Schönrednerei schlüpfriger Schriften, der bisher gewohnte unnatürliche Phantasiccn- reiz der Novellenliteratur reell nicht mehr zu haben, so werden allerdings einige Leser murren und schimpfen, einige werden wegbleiben und gar nicht lesen: nach und nach aber werden sicher auch die guten Bücher gelesen werden. Oder ist's niit der Verbreitung irgend einer Wahrheit anders? Es niögen nur erst die Leute ein und zwei Jahr das Wirken jenes nicht von der Concurrenz gefolterten Arztes beobachtet, sie mögen Zeuge seines Wirkens in Familien gewesen sein, so wird Niemand mehr sein, der den Popanz des alten Schlendrians wird eintauschen mögen gegen die einfache Nüchternheit einer aufrichtigen ärztlichen Behandlung. — Aber das Alles wird dort nie zu beobachten sein, wo die Ärzte in Concurrenz leben. Hat ein Arzt in treuer lind ihm vom besten Wissen seines Studiums vorgeschriebener Weise seine Pflicht gethan und Jahre lang offen und ehrlich in Familien als Hausarzt gedient, oder hat er da und dort Kranke behandelt und die Freude gehabt, bei einer rationellen Lebcnsdiät, bei einer umsichtig geleiteten Krankenpflege sie wieder gesunden zu sehen, hat er hier und da einen freundlichen Verkehr im Umgang mit Anderen angeknüpft und sich jene sein ganzes Thun und Handeln erwärmende Vertrauensstellung in dein Kreis seines Wirkens erworben, genießt er für seine oft großen Anstrengungen einen wenn auch nicht hohen, doch seine bürgerliche Existenz wenigstens sicher stellenden Lohn und das uni das Schicksal der von ihm ja nur approbirten, aber nicht besoldeten Ärzte sorglose Gouvernement läßt noch einen und noch einen Arzt sich in dein Kreis domn ciliren: so geht jene von mir oben gezeichnete Lostrennnng des Arztes von seiner besseren Überzeugung, sein Renegatentum an der Wissenschaft alsbald vor sich, wenn seine praktische Thätigkeit zugleich seine Subsistenz bildet. — Er muß es erleben, wie ein Fordern geringeren ärztlichen Lohns der neu Hinzutretenden, wie eine kecke Zuversicht, eine nachgebende Behandlung, ein unwürdiges Aufwarten, vor Allem aber das so unendlich nachteilige Gegcnübcrtrctcn zweier verschiedener ärztlicher Meinungen, die gar nicht etwa aus ernster, wissenschaftlicher Begründung, sondern nur so im Concessionswege an die Liebhabereien des Publikums aufgestellt wurden, seine bisherige Behandlungs- weisc in Frage stellt. Er erlebt es mit dein tiefinnerlich- sten Schmerz, wie dieselben Menschen, die bislang ihm Vertrauen erwiesen, die ihn schätzten, sich bei seiner Hilfesweise beruhigten, auf deren Gesundheitszustand er günstig einzuwirken die Freude hatte, an ihm irrrc werden, wie sie anfangs noch die neue Eoucurrenz mißbilligen, bis sie da von einer, dort von einer zweiten ausposaunten Cur hören, wie sie allmählig mit den neuen Ärzten in nähere Berührung kommen, sich »überzeugen", daß dieselben »recht gescheute" Männer auch sind, denn sie horten von ihnen ein recht treffendes Raisonncmeut über ärztliche Dinge, die sie ja verstanden, kurz er wird so nach und nach iunc, wie seine wissenschaftliche Thätigkeit vor dem Geschäft, vor der Routine, vor der Lüge der in Concurrcnz neben ihn gestellten Ärzte Retraite nehmen muß. So ist es bei den halbwegs Gebildeteren, bei dem noch weniger urtheils- fähigeren Volk natürlich ist es für den Werth des in 42 Concurrenz hinzutretenden Doctors durchschlagend und entscheidend, daß das Recept von diesem um einen Silbergroschen wohlfeiler abgelassen wird, als bisher. Doch genug von allen diesen Widerwärtigkeiten, ja es sollte mir wehcthun, mit den vorstehenden durchaus dem Leben entnommenen Darstellungen dort den Vorwurf bitterer Tadelsucht mir zugezogen zu haben, wo doch eben nicht mitgebrachte, niedrige nnd gemeine Gesinnung, sondern nur das Destructive der Concurrenz die Persönlichkeiten herunterbringt. — Und das ist der zweite Punkt, den wir in's Auge fassen wollten, daß die Concurrenz nicht nur den wissenschaftlichen, sondern auch den bürgerlichen, den persönlichen Ruin des unter der Concurrenz leidenden Arztes zur Folge hat. — Wo eine Tafel, zu der ein bestimmter Kreis den Unterhalt lieferte, anstatt der bisherigen zehn Personen zwanzig ernähren soll, da müssen sich die Tafclantheile, die Portionen halbiren, das ist der erste Rechensatz aller Wirthschaftslehre, danach rechnet eine besonnene Hausfrau, das erwägt jeder kluge Meister, das wissen alle Menschen, aber sie handeln nur nicht danach. Weil das Zutreten neuer Personen als ein unabänderliches himmlisches t'nit »cooinpli betrachtet wird, kommen sie gar nicht zu dem Gedanken, doch vor Allem das Hinzutreten zu regulircn. Wo sich aber die für eine Person gedeckte Tafel um noch einen Platz erweitern soll, geschieht dasselbe, was jene größere Tafel bieten mußte, und tritt noch ein Dritter dazu, so setzt es nur Drittelportionen. Was haben nun diese Theilungen auf die bürgerliche, die persönliche Stellung des Arztes für einen Einfluß? — 43 Wenn der Geschäftsmann, der Industrielle, Concurrenz erleidet, so gibt es ein erhöhetcö Anspannen der Kraft, die Waare muß besser verpackt, besser appretirt werden, es wird eine lockendere Firma über die Thür gehängt, die Etiketten an die Waaren werden sauberer gearbeitet, oft wird auch wirklich an dem Manufact gebessert, öderes wird eine Reise nicht gescheut, um sich da oder dort eine neue Erfindung anzusehen und zu Nutzen zu machen, es wird der Rath eines Technikers, dort der der Wissenschaft gesucht und ihn zu verwerthen gestrebt und das Stoßen und Gcstoßenwcrdcn in Folge der Concurrenz ist anscheinend zu Nutz und Frommen der Consumenten wie Producenten. Das Ding geht auch so eine Weile, und alle Welt jauchzt der Wunder gebärenden und den Fortschritt und den anscheinenden, äußeren Wohlstand mit Riesenkraft fördernden Concurrenz zu und preist ihr verborgenes Walten. Wir Deutschen haben das Schauspiel in dem Finale der letzten 30jährigen Friedensperiode uns zur Genüge angeschaut. Doch siehe welches Ende, welche Erfolge von der Schncllgährung jenes Ferments, welcher Zustand im. Gefolge jener Trcibhausarbeit der Concurrenz! Wie mit einem Male sind die Truhen leer. — Zahllose Geschäftsleute, so viele Industrielle, Massen von Handwerkern, anscheinend goldne Schätze hinter den Schaufenstern mit goldenen Leisten und krystallenen Scheiben sammelnd, standen wie über Nacht am Concurs, Tausende, ihre letzten Kräfte in der Concurrenz zusammenraffender Handwerker hatten bei dieser Hetzjagd den alten vom Großvater überlieferten Sparpfennig des sonst nie leer gewordenen Seckels verausgabt und saßen plötzlich mit ihrem ruhelos treibenden Arbeitsschiff am Strande. 44 Tausende um taufende von Arbeitern hatte jene gepriesene Concurrenz erzeugt und wie mit einem Male standen sie t da im bürgerlichen Leben und hatten keinen Boden mehr n unter den Füßen. Doch hier stand und steht noch ein n Exponent in Frage, dessen Dehnbarkeit, Tragweite und d Bedeutung noch gar nicht annähernd zu berechnen ist. d Ich meine die Ertrags- resp. Bearbeitungöfähigkeit un- r serer Erde. Jeden Tag wirft das Grabescheid des mensch- c lichcn Fleißes und der uncrmüdcten Forschung neue Schätze s aus der todt geglaubten Erde anf. Die Chemie, die alle r menschliche Thätigkeit befruchtende Göttin unseres Jahr- i Hunderts, weist Millionen noch Arbeit und Snbsistcnz an c und vermag es noch, schon mühelos geglaubte menschliche c Arbeit mit ihrer Fackel zu durchleuchten und neues Leben x auch unter die darbende, gedrückte Menschheit zu bringen. z Diese Concurrenz erschließt die Schätze der Erde und l wenn wir auch (viel. unsere Schrift „Armuth oder Ar- s bcit") nachdrücklichst darauf hinweisen mußten, daß der menschlichen Arbeit an dem Maaß der Ertragsfähigkeit x der Erde ein zu beachtendes Ziel gegeben sei, so wird d die Concurrenz doch hier noch lange an der schürfenden r Wissenschaft einen gedeckten Gegner finden. Hat aber r der in Concurrenz lebende Arzt etwa auch an den noch l auszubeutenden Gebieten der Naturwissenschaften eine seine r bürgerliche Gefährde ausparircnde Deckung? l Wenn bei der Seisefabrikation, wenn in der Technik t der Bleiche, wenn in der Färberei-Industrie, wenn in der l Verarbeitung und Erzeugung der Brennstoffe eine Ent- c dcckung die Concurrenz gegen Andere überwunden hat, l und brodlose Arbeiter wieder an die Arbeit und damit - an eine gedeckte Tafel treten können, wenn ein neues Z 45 Düngemittel erprobt, eine reichere Frucht tragende Gc- treidcart aufgefunden und angebaut wurde, so parirtc das Wohl manche Wunde, die von der Concurrcnz geschlagen war, wieder aus. Wenn aber die physiologische Chemie den Ärzten lehrt, daß bei Anwesenheit von Fett das Mehl der Cercalicn im Körper viel leichter zu neuen Gewebcthcilen unseres Körpers umgesetzt wird, wenn die Wissenschaft ihm ein Mittel zeigt, die Bildung der Knochcnerde im Körper scrophulös ertränkter Kinder zu fördern, wenn die Jnstru- mentenlehre ein neues Verfahren nennt, die Blasenstcine im Körper zu zertrümmern, wenn die Gefühllosigkeit nach der Chloroformcinathunmg die Operationen um Unendliches sicherer macht und den Verlauf derselben günstiger gestaltet, wenn die organische Chemie unsere ganze Diät zu Nutz und Frommen der Kranken wie Gesunden durchleuchtet und sichtet rc. rc.:, wird das Alles im Stande sein, einen Arzt mehr au die in einem Kreise die ärztliche Hilfe lohnende Tafel treten zu lassen? Gerade das Gegentheil tritt in unserem Fall von dem ein, was da und dort die Concnrrenz zu erreichen vermag. — Hunderte von Krankheiten kürzt die rationellere Behandlung der neueren Wissenschaft ab. Wie galt eS früher, einen Schar- lachkrankeu in das warme Zimmer zu bannen, damit das Friesel herauskomme, und wie viele Wochen vergingen dann, ehe die verwöhnte junge Haut den Temperatur- wechsel vertrug! — Wie kürzt ein sogen, kühles Regimen die Dauer dieser Krankheit. — Wie peinliche, lange Zeit quälten sich sonst die armen Betroffenen mit der Krätze herum, während sie jetzt Heilung in wenigen Tagen finden! Wie unnütze, wie kostspielige, wie lang andauernde Feld- züge unternahm die medicamentenreiche Heilkunde der wci- 46 chenden Zeit gegenüber dein einfachen Einhalten strenger Verordnungen in den verschiedenen Gebieten einer rationellen Lcbensdiät! *) Die Wissenschaft, die Kenntnißzunahme schafft an der vom Lohn für ärztliche Hilfe gedeckten Tafel nicht mehr, sie schafft weniger Plätze. Und wie reißt sie die Ruhe, das Glück der in Eoncurrcnz lebenden Ärzte nieder! Bedenken wir vor Allem, zu welcher Zeit und nach Aufwand welcher Mittel die Concnrrenz den Arzt trifft. Durchschnittlich läßt sich das 26stc Lebensjahr annehmen, in dem er zu practiciren anfängt und da erreicht ihn oft sofort der Schrecken der Concnrrenz. — Und die Höhe welcher aufgewandten Mittel stellt diese in Frage! Tausende um Tausende opferten die Eltern von der Schulzeit des Sohnes an, um ihn tüchtig in seinem Beruf auszubilden und jetzt ist das materielle Opfer gebracht ohne Zins, ohne Lohn! Es kann nicht lebhaft genug auf den wesentlich verschiedenen Charakter aufmerksam gemacht werden, den die Con- currenz in Handel und Wandel, den sie im Begegnen und Verwerthen des Mein und Dein hat und den, den sie der Stellung der Ärzte bringt. — Dort ist ein rascheres Umsetzen des Capitals, da ein Wechsel des Wohnorts, hier das Ergreifen eines andern Berufs, dort ein Ausfegen nachthciliger Monopole, ein Eingehen von Sinecu- ren die Hilfe oder der Gewinn, den die Concnrrenz im Gefolge hat, ist aber von dem Allem im ärztlichen Beruf *) Wir machen hier gern ans ein etwas emphatisch geschriebenes, aber höchst wahres und beherzigenswerthes Schriftchcu des l)r. Rasch dringend aufmerksam. „Die Noth im Volke" von Dr. Rosch. 2te Anst. Nürnberg 54. Lotzbcck. 47 etwas Ähnliches als Gegengabe für die Nachtheile der Concurrenz zu finden? Dem in Concurrenz gestellten Arzt hilft gar kein Anspannen seiner Kräfte. Es könnte Stimmen geben, die sagten, es ist die Concurrenz für den ärztlichen Stand durch Anregungen, Aufstacheln der Kräfte, Anspannen der Energie und Willensthätigkeit eben so heilsam und vor Schlendrian und Schläfrigkeit des ärztlichen Thuns und Treibens bewahrend, als in anderen Branchen deö bürgerlichen Verkehrs. — Wir warnen ernstlich vor solchen höchst verkehrten Auffassungen. Im Anfertigen von zeitraubenden Tabellen, im Ausbeuten dargebotener Gewinne, im Benutzen einer Anderen wenig zugänglichen Conjnnctur, im Hinaufschrauben der Preise bei Zeiten der Noth, in tausend Fällen des öffentlichen Handels und Wandels kann Concurrenz die einzige Sicherstcllung gegen Eigennutz und Habsucht der Producenten sein, im ärztlichen Beruf kehrt sich auch dies Verhältniß gerade um. Die Concurrenz unter den Ärzten bringt dem Publikum auch den entschiedensten materiellen Nachtheil. Wir werden darüber weiter unten sprechen. Im ärztlichen Beruf sichert die Art der Thätigkeit vor dem Lässigwcrdcn. Wir haben auch hier einen wesentlichen Unterschied zu machen zwischen den ärztlichen Geschäftsleuten und den phhsiologisch gebildeten Ärzten. Wir wissen recht wohl, wie eine große Anzahl älterer, eine lange Zeit ihres Lebens mit Aufopferung thätiger Ärzte unter dem Unstäten ihres Wirkens, unter dem Ferngchal- tenwerdcn von ihrer Familie, unter der Last der persönlichen Anstrengung, unter dem so natürlich vor sich gegangenen Wegwenden von der Wissenschaft persönlich müde 48 und matt werden und unfähig, das Vertrauen des Publikums sich zu erhalten. Aber wir kennen auch Practiker, die nicht in Concnrreuz leben und nach einem Jahres- Ehclus regelmäßig die Disciplinen ihrer Kunst wieder zu ihrem Studium machen, um so immer im erfrischenden Verkehr mit ihrer Wissenschaft zu bleiben. Und dann sind die Wichtigkeit des Berufes, der Ernst der dein Arzt gestellten Fragen, vor Allem der Verkehr mit der ewig jungen und anregenden Natur solche Bürgen für die Frische und Regsamkeit des ärztlichen Handelns, daß es nur Mangel an Vertrautsein mit den Verhältnissen sein kann, die für den ärztlichen Beruf dicCon- curreuz als Büttel anruft. Forschend und suchend wird der Arzt am Krankenbett weilen, ruhig sinnend wird er alles Mitgetheilte erwägen, alles Gefundene prüfen und nicht eingedenk sein der Zeit, die dabei verstreicht, nicht achten des Eindrucks, den sein Sinnen und Fragen auf den Kranken oder die Umstehenden macht, nicht besorgt sein, es mög« das, es möge jenes dem Patient, den Angehörigen auffallen, sobald er geschützt vor Concnrreuz, ruhig und treu und ehrlich lediglich seiner bessere» Überzeugung nach handelt. Wie anders aber gestaltet sich das Altes, wenn er desselben Tages, wo er an ein neues Krankenbett trat, erleben mußte, wie eine andere Familie sein letzthinnigeö treues Mühen und Sorgen damit lohnte, daß sie den in Con- currenz hinzutretenden neuen Arzt gerufen, wenn er hören mußte, daß durch die sie deckende Concurrenz verleitet, sich frühere Patienten beikommen ließen, über Dinge in der Art und Weise seines ärztlichen Handelns zu urtheile» und mit einer so ignoranten Ungerechtigkeit den Stab 49 über deren Unwerth zu brechen, daß er sich gestehen muß, gegen diese Macht hast du keine Waffen. O das ruinirt auch die bürgerliche, die persönliche, die moralische Existenz des in Eoncurrenz lebenden Arztes. Das Publikum wird mir hier mit Unglauben begegnen, es wird mir Unwahrheit in meiner Auffassung vorwerfen. Ich appcllire an die Erfahrungen der Ärzte. Ich appcllire an das Urtheil der Laien und halte ihnen einfach die Frage vor: ist denn der Patient oder sind die Angehörigen von Patienten im Stande, auch nur annähernd des Arztes Handeln abzuschätzen? Über sein Benehmen als Mensch, über seinen Werth als Bürger, als Familienvater, als treuer Haushalter, über sein Halten am Wort, über seine Nüchternheit in allen Dingen, über seine Verschwiegenheit steht dem Publikum so gut ein Urtheil zu, als über jede andere Persönlichkeit, ja wir werden uns freuen, wenn das Publikum seine Ärzte um ihrer bürgerlichen und persönlichen Tugend willen mit recht wachsamen und eifersüchtigen Blicken verfolgt und in ihr treu befundene Ärzte in großen Ehren hält, aber über ihr rein ärztliches Wirken steht ihm kein, auch gar kein Urtheil zu. Wo der Laie kommt und richten will, ob die vorgeschriebene Diät die rechte, ob hier Blutegel zu setzen waren statt der applicirten Schröpfköpfe, ob hier ein Brechmittel bessere Dienste geleistet haben würde, als die Purganz, ob nicht das Bleiben außer Bett dem Legen in dasselbe wäre vorzuziehen gewesen, ob nicht hier ein bloßes Schwitzen auch zum Ziel geführt hätte und ob in jenem Fall nicht der Gebrauch einer Salbe viel eher würde Heilung des Gliedes herbeigeführt haben, weil in einem "ähnlichen" Fall eine Salbe so bestimmt (sie?) geholfen hatte rc. rc., ich 4 50 sage, wo der Laie des Arztes Handeln prüft und abschätzt, da sicht's wahrlich schlimm um dessen Wirken aus, es wäre für ihn, es wäre aber in noch höherem Grade für den Kranken besser gewesen, er stände nicht da. Willig und gern geben wir ja zu, wie die Ärzte oft, ja unendlich oft die Schuld tragen an solcher Unzulänglichkeit, an solchem Misdre. Wir kennen zu gut das unselige Bestreben vieler Ärzte, durch allerlei Wortgeklingel, gelehrt tönende Phrasen, durch nichtssagende Namen und hohles Gewäsch den auf ihr Urtheil begierig spannenden Kranken ein X für ein U zu machen, wir sind nicht blind gegen die Schwäche der Collegen, in fruchtloser Concession an die Lieblingserwartungen der Laien die Nüchternheit und Wahrheit ihrer Beobachtung für den Pappenstiel einer vorübergehenden und deshalb ganz werthlosen Beruhigung des Kranken hinzugeben, wir verkennen es durchaus nicht, wie seitens des Arztes das Hinnehmen des Glaubens vom Patienten, das Medicament habe allein geholfen, ihn irreführen, ihn zu falschen Lobhudeleien verleiten, ja ihn gefährden muß, weil er darüber die Kenntniß dessen verliert, was von ihm zu meiden ist, wenn er nicht wieder erkranken soll, wir verbergen uns nicht, wie das unnütze Me- dicinverschreiben, das oft übereilte Stellen der Diagnose (d. i. Krankhcitserkcnnung), das so häufig mit Lügen gestrafte Aussagen der Prognose (d. i. Vorhersage des Krankheitsverlaufs) unendlich oft das Vertrauen des Publikums untergräbt: aber wir fragen nur allen Ernstes, wird gegen diese Übelstände ein Leben der Ärzte in Concurrcnz schützen? Ist anzunehmen, daß die praktischen Ärzte sich eher frei machen von all dieser trüben und düsteren Beigabe ihres Handelns, wenn sie nicht in Concurrenz leben, oder wenn 51 sie ängstlich umblicken, um nur nicht anzustoßen, nicht als Ignoranten zu erscheinen, nicht mit der Wahrheit zu verletzen, weil sie ja sonst ihr Beiseitcsetzen zu gewärtigen haben, da noch andere Ärzte um sie in Concurrenz gestellt sind? Die Concurrenz ist zweitens also auch für die persönliche, für die moralische Stellung der Ärzte ein höchst gefährdendes Ding, denn es gehört ein Grad der Willensfestigkeit, eine Höhe der Überzeugnngstrcue und ein Maaß der Energie dazu, an seinen besseren Gefühlen festzuhalten, wenn man sieht, wie die Concurrenz die bürgerliche Existenz in Frage zu stellen droht, auf die eben nicht gerechnet w e r d e n k a n n. In gleichem Grade aber wird sie endlich d e n L a i e n verderblich. Das bildet die dritte Seite unserer Betrachtungen über die Stellung der Ärzte in Concurrenz. Der Laie glaubt, die Concurrenz schütze ihn gegen Vernachlässigung der Ärzte, sichere ihm die höchste Sorgfalt, die aufmerksamste Behandlung derselben. Der Laie meint, es könne für ihn nichts Werthvolleres geben, als nicht an die eine ärztliche Persönlichkeit gewiesen zu sein, sondern eine größere Auswahl zu haben, wenn er ärztliche Hilfe zu suchen habe. Nun wir wollen hier einmal die Sache so betrachten, wie sie wirklich ist und nicht so, wie sie in den Borstellungen Derer lebt, die über ärztliches Helfen nun doch einmal kein entscheidendes, letztes Urtheil eben haben können. Unsere Frage gilt dem Umstand, wann und wo wir Ärzte am meisten helfen können? An den Stätten höchster Cultur und Civilisation sehen wir, wie die Menschen auf Leibärzte, andere auf Hausund Familienärzte oft mit dem Aufwand bedeutender Mittel halten. Was will das doch anders bedeuten, als daß ein 4 * 52 Überwachen der ganzen Lebensdiät durch den Arzt am meisten vor der Gefahr persönlicher Erkrankung schützt. Und so ist es. So wird es wenigstens dort sein, wo auf den Rath eines treuen Arztes auch wirklich gehört wird. Höchst wahrscheinlich lebte Kaiser Nicolaus heute noch, wenn er dem Rath seiner Ärzte gefolgt und nicht zu der militärischen Jnspection gefahren wäre. Der große Herrscher kannte aber den Werth ärztlicher Prophylaxis nicht, und so ward er vorn Herrn aller Herren abgerufen. Es kann keinen schöneren Beruf geben, als Arzt eines Regenten, Arzt eines Hofes zu sein, sobald dort seine Treue erkannt wird und man von ihm die Wahrheit annimmt. Der Arzt kann da die köstlichsten Früchte wahrhaft ärztlichen Wirkens pflücken. Es kann aber hinwiederum nichts Niederdrückenderes für einen Arzt in solcher Stellung geben, als wenn er berufen ist zum Helfen und doch zur rechten Zeit mit seinem Rath nicht gehört wird. Letzteres vertragen nur gewisse Naturen. Doch zur Sache. Wir geben dem Factum nach, daß die in höchster Cultur lebenden Menschen den Arzt nicht erst rufen lassen, wenn sie erkranken, sondern, daß er um sie ist auch zu Zeiten angeblich voller Gesundheit, und daß sie das thun, weil sie wohl wissen »nicht in dem Behandeln acuter Fälle, sondern im Regeln und Sichten der LeLensdiät müßt ihr den Werth des Arztes ausbeuten." Daß das Aufwartungmachen der Ärzte, das ihnen Andienzgeben dort keinen Werth hat, wo der Arzt nur pro formn kommt und geht, ohne der Vertraute, der Arzt des Leibes auch wirklich zu sein, versteht sich von selbst. Das vernichtet natürlich überall, wo die Form dem Inhalt hat weichen müssen, den Werth, die wahre 53 Hilfe des Arztes thut aber der von uns angezogenen eigentlichen Bedeutung des Leib-, Haus- und Familienarztes durchaus keinen Eintrag. Dessen Werth ist, Rather in Zeiten zu sein. Gestehen wir Ärzte es nur laut und offen und aller Orten zu, wie beschränkt, wie ganz unendlich beschränkt und abgemessen unsere Hilfe in acuten Krankheiten ist! Ich erinnere daran, welche endlosen Urtheile, Delibera- tionen, Abschätzungen, Kritiken, welches Lob und welchen Tadel die ärztliche Behandlung einer Lungenentzündung in einem Fall erfährt, wo es sich um eine einflußreiche Persönlichkeit im HauS, im privaten oder öffentlichen Leben handelt. Da hat der Arzt, wenn der Kranke starb, zu früh oder zu spät, zu wenig oder zu viel Blut gelassen, da hätte er Blut nehmen sollen, wenn er keine Ader öffnete, er mußte sie nicht öffnen, wenn er eine Venesection machte. Gab der Arzt Brcchweinstcin, so hat der den Kranken erschöpft, gab er keinen, so hätte der ihn gerettet. In einem andern Fall hatte bei Salpctergebrauch die Entzündung den Kranken nicht getödtet. Das genügt, einen Laien fest daran glauben zu lassen, Salpeter würde diesen gerettet haben. Der Berstorbcnc hatte wenig Auswurf, das reicht zur Behauptung eines Laien hin, der Kranke wäre nicht gestorben, hätte der Arzt den Allswurf befördert, starb aber der Kranke unter vielem Auswurf, so war das gegcntheilige ärztliche Verfahren am Tode schuld. — Wie verhält sich nun dieses endlose Hin und Wider, dieser widerliche Hackemak, dieses nutzlose Ruiniren aller ärztlichen Autorität, alles Glaubens der Kranken, zu der feststehenden Thatsache, daß dem großen französischen Arzt Bouillaud nach Berechnung vieler tausend 54 Fälle von ihm mit starkem Aderlaß behandelter Lungen- sc entzündungen gerade so viel Procente Todter zu Grunde 5 gegangen sind, als dem großen Wiener Arzt Skoda, der tk die Lungenentzündung in der Regel ohne Aderlässe behan- L delt und nur in den Fällen etwas Blut aus der Ader r, nimmt, wenn Erstickung dem Kranken droht! Ist nicht dieser Thatsache gegenüber jenes Gebabren der Laien, jenes Kri- v tisiren über den Werth der eingehaltenen Therapie in der ei That eine beklagcnswerthe Erscheinung! Nicht minder tz trübselig freilich ist's, wenn sich praktische Ärzte, nachdem ei sie angeblich hundert, rs vera aber vielleicht nur dreißig N reine Pneumonieen mit Aderlässen behandelt haben, ver- ei leiten lassen, über Werth oder Unwerth des Aderlasses jc in der Lungenentzündung entscheiden zu wollen. Oder b wenn sie mit Wichtigkeit auf die oder jene Medicin ver- li weisen als das wirklich heilende Ding, während die Sta- >K tistik größeren entscheidenderen Materials unwiderleglich I dargethan, daß weder das eine noch das andere Medica- E ment ein Specificum gegen diese Krankheit ist, d. h. ein >li zuverlässig wirkendes Heilmittel. s< Sind Entzündungen gesetzt, so sterben von den an ih- ü nen Erkrankten so und so viel Procent, und wenn wir li auch recht wohl wissen, daß eine umsichtig geleitete Pflege, d eine gute Krankendiät ganz Außerordentliches zu leisten v vermag, so sagen wir es doch eben mit der allergrößten K offenen Entschiedenheit, daß die Fälle, wo nützende *) Medi- b camente in der Behandlung in der That von Entscheidung Ware», äußerst seltene sind. Woher denn sonst auch die oft räth- ü - - . o *) Wir müssen leider diese Bezeichnung hinzusetzen, weil nicht geleugnet werden kann, daß durch Medicamentengeben Kranken noch a sehr oft geradezu geschadet, ihr Zustand verschlimmert wird. ^ selhast erscheinenden Erfolge der eben keine Arznei reichenden Homöopathen, der Naturärzte, der Hydropathen, derSympa- thetiker, der Magnetiseurs rc. rc., sobald diese Classen von Heilkünstlern nur zu den klaren nüchternen Beobachtern gehören und auf die Dinge aircaroinihre gesunden Blicke werfen! Wenn eine massenhafte Ausscheidung im Bauchfell vor sich gegangen ist, und der Kranke an einer Unterleibsentzündung behandelt wird, wenn nach einem Exceß im Gebrauch der Körperkräfte sich eine Klappe des Herzens entzündet und die nach Ablauf der Entzündung gesetzten Ablagerungen die Klappe nicht mehr schließen lassen, wenn ein Kranker Typhus hat, und sich in den Eingeweiden jene bekannten Geschwüre gebildet haben, wenn das Fischbein des Schnürleibes oder des Kleides oder das eng anliegende Kleid in der Brust des Weibes die Bildung eines Krebses zur Folge gehabt, wenn das feste Binden der Röcke Magenleiden erzeugt, wenn zu frühes Lernen und Schulsitzen, wenn falsche Kleidung, ungesunde Betten bei Kindern einen siechen Körper nach sich zogen, ja in tausend und tausend solcher und ähnlicher Fälle ist der Arzt Wohl noch Etwas werth, er vermag oft noch, zur Vorüber- leitung der Krankheit Etwas zu thun, Thatsache aber ist, daß so und so viel Procente Typhuskranker, so und so viel an Unterleibsentzündung Leidender, so viel Procente Krebs, so viel Cardialgischer, so viel Kinder, die übertrieben werdet: und an Nerven leiden, zu Grunde gehen. Den fertigen Krankheitsprocessen gegenüber ist die ärztliche Hilfe eine beschränkte, oft, ja sehr oft.eine rein illusorische. Schwer ist's nun aber nicht, zu beweisen, daß wir Ärzte in ganz anderer Weise zu helfen vermögen dort, 56 wo wir die Pflicht der Prophylaxis üben und wo wir warnen können, resp. wo unseren Warnungen Gehör geschenkt wird. Das sind eigentlich alles zu bekannte Dinge, als daß noch darüber geredet zu werden brauchte. Hätte Jemand die unglücklichen Bewohner der feuchten Plateaus in Oberschlesien gewarnt, sich nicht blos mit Kartoffeln, Sauerkraut und Schnaps zu nähren und nicht in den ungesunden Blockhäusern zu leben, hätte vielmehr Jemand es ihnen möglich gemacht, auch wirklich nach der Warnung ihre Lebensdiät zu ändern, so wäre jene Bevölkerung durch den Hungertyphus nicht so schauderhaft dcci- mirt worden. Hätte ein treuer, gewissenhafter Hausarzt den mit Arbeit überbürdeten Geschäftsmann, den mit Amtslasten überladenen Minister gewarnt, das ihre für eine gehörige Circulation des Blutes, für einen regen Stoffwechsel in ihrem Körper zu thun, so würden sie nicht an Magcn- krampf, nicht an Lcberentzündung, nicht an einem Gehirnleiden rc. rc. erkrankt sein. Das wird und muß Jeder zugeben, der nur darüber nachdenken kann. — Wenn anhaltender Ostwind in Hamburg herrscht, "kommen" im dortigen Krankenhause »Lungenentzündungen auf." Wenn hier der, dort jener localc Wind regiert, gibt's Bräunefällc. Die Mutter weiß, ja kann es oft nicht wissen, daß gerade jene empirisch schädliche Luft heut weht und hat ihren kleinen 5jährigen Knaben eben zum Ausgehen angekleidet, als der Hausarzt bei ihr eintritt und sie zu rechter Zeit warnt, den Knaben heute hinauszuschicken, da dieser oft mit Husten geplagt ist. — Ein Wort vermag hier mehr zu thun, als die Behandlung des Tüchtigsten nach gesetzter Entzündung.— 57 Dort ist die Hausfrau niedergekommen, das Kind wird von der Hebamme besorgt, und ein Hausmittel wegen Hart- leibigkeit dem Kinde beigebracht. Einen Hausarzt gibt es in der Familie nicht und nachdem Jahr und Tag vergangen, ist ein Unterleibsleiden in Gefolge der Hausmittel gesetzt. Der Arzt wird gerufen und vieler Mühe bedarf es, um den durch so'lange Verstopfung verloren gegangenen Tonus, d. i. die Thätigkeit des Mastdarmcs zu heben und zu heilen, während ein einmaliger, die Diät des Säuglings corrigireuder Rath eines Hausarztes das Kind gesund erhalten haben würde. — Blicken wir nur einmal recht tief den Dingen nach, die an unserer Jugend Mark fressen, sehen wir nach.den vielen bleichsüchtigen jungen Mädchen, nach den floriden Constitutionen derselben, nach den matten und schlaffen Bewegungen, wenn eine kleine körperliche Anstrengung ihre Kräfte bereits aufzehrt, denken wir an die schon in der Jugend der Brillen bedürftigen Jünglinge, an die jungen Leute, die schon frühe eine Krankcnanlage mit sich herum tragen, und vergessen wir vor Allem nicht, daß unser gegenwärtiges Geschlecht das durchschnittliche Lebensalter nicht über 33 Jahre bringt, so wird doch wohl Niemand sein, der nicht zugibt, daß hier das eigentliche Feld für die ärztliche Hilfe ist, daß wir Ärzte dort noch viel, unendlich viel zu helfen und abzuwehren vermögen, wo unter den Menschen ein Begehren ist, sich über die ihr körperliches und geistiges Leben betreffenden Dinge zu unterrichten. Ist unsere Frage, wann und wo wir Ärzte am meisten helfen können, hiermit aber auch beantwortet und liegt ferner vor, daß wir diese unsere Kunst der Prophylaxis ausgiebig nur zu üben vermögen in der Stellung 58 als Haus- und Familienärzte, eine Stellung, die bei Treue und Offenheit im Beruf meist auch die Stellung eines Hausfreundes zur Folge haben wird,- so gilt es uns hier nun, darauf zu antworten, welchen Einfluß hat die Con- currenz der Ärzte auf ihre Stellung in den Familien? Hätten wir in einem Kreis, in einem Bezirk, einer größeren oder einer kleineren Stadt die Wirksamkeit eines Arztes gegeben, wie wir sie uns eben als die einzig segensreiche denken konnten, wäre in jenem Kreis ein Arzt wenigstens in allen jenen Familien Hausarzt, die es vermögen, ihm ein jährliches festes Honorar für seine fortdauernde Thätigkeit zu bieten, so hat eigentlich, so lange sich die Bevölkerung dieses Bezirkes nicht wesentlich vergrößert und so lange die Kräfte jenes Arztes ausreichen, die ärztlichen Begehren des Kreises zu befriedigen, das Hinzutreten eines zweiten Arztes in diesen Kreis gar keinen Sinn. Wir haben ja oben auf das Deutlichste uns davon überzeugen müssen, daß lediglich und allein das Begehren des Publikums eben so die Heilobjecte als den Lohn für die Heilung bestimmen konnte. Wir sahen, daß es gar keiner zweiten Macht zustünde, über das Maaß dessen, was behandelt werden soll, zu entscheiden. Was in aller Welt soll denn nun die Concurrenz in der Stellung der Ärzte? Der in einem Kreis practicirende Arzt hat das Vertrauen des Publikums, er vermag das Bedürfniß nach ärztlicher Hilfe vollkommen zu befriedigen, es gibt nirgend ein Verlangen nach weiterem ärztlichem Rath und das Gouvernement gestattet noch einem jungen oder älteren Arzt, sich dort zu domicilircn. Das Bedürfnißmaaß der Laien nach ärztlicher Hilfe hängt ja, wie wir hundertmal zugestanden, einzig und allein von dem Cul- 59 turzustand des Publikums, von den Ansprüchen, die dasselbe macht, ab, wenn es ihm gilt, für sein physisches Bewahrtsein zu sorgen, aber wenn dies geschehen ist, so ist eben um deswillen lächerlich, zu erwarten, daß es den Ärzten und zwar in Concurrenz lebenden möglich sei, jenen Culturzustand zu heben. Hausärzte, Ärzte, die das unbedingteste Vertrauen einer Familie haben, werden allerdings jenen Culturzustand zu heben vermögen, sie werden das Publikum nach und nach zu der Einsicht zu bringen vermögen, welchen großen Nutzen und Vortheil es sich verschaffen kann dadurch, daß es bei Regelung seiner Lebensdiät den Mann um Rath fragt, der diese zum Gegenstand seines Studiums gemacht hat, also den Arzt. Aber wir haben im oben angezogenen Fall ja die Stellung des Hausarztes angenommen. Wir finden ja eben keinen Grund, was denn nun ein neu hinzutretender Arzt neben diesem soll. Jener Hausarzt leistete ja das, war zu leisten war, er allein konnte ja die rechte Cultur fördern rc. rc. — Die Concurrenz vermag so wenig als irgend eine andere Gewalt das Bedürfnißmaaß der Laien nach ärztlicher Hilfe zu heben. Wir haben bei jenem Domiciliren neuer überflüssiger Ärzte jenes Mißverhältniß, das so Unheilvolles schon im Verkehr der Menschen bewirkt hat, daß Waare an den Markt kommt, ohne daß ein Begehr, ein Verlangen nach derselben da ist. — Unheilvoll ist's aber für den Consu- Ment wie Producent, denn die neue nicht begehrte Waare kann nur dadurch r^ussiren, daß sie unreell wird. Es gibt gar keinen anderen Absatzweg. — Im ärztlichen Leben nun tritt uns zuuächst die Frage entgegen, welchen Einfluß hat die Concurrenz auf die 60 Stellung des Hausarztes. Und hier beweist es die Erfahrung, wie unheilvoll sie auf dies Verhältniß einwirkt. Reellität des Arztes vor Allem ist es, die er bedarf, um sich Vertrauen zu erwerben. Offenheit, Ehrlichkeit, persönliche, namentlich aber auch wissenschaftliche Treue macht jene Reellität des ärztlichen Angebots aus. Nur auf solchem Fundament wird er sich im Kreis der Familien ein Ansehen zu verschaffen vermögen, das er haben muß, soll er die Kunst der Prophylaxis mit Erfolg in jener ausüben. Gerade heutzutage, gerade jetzt, wo die neuere Wissenschaft viele, viele Positionen des früheren ärztlichen Handelns unterwaschen und niedergerissen hat, ist es vor Allem nöthig, daß der Arzt festen Fuß in den Gemüthern der Familien fasse, daß er deren unbedingtestes Vertrauen sich zu erwerben vermöge. Wir sahen aber oben, das zu erwerben durch die Behandlung einzelner Krankheitsfälle, sei bei wissenschaftlicher Treue und Offenheit wenn nicht ganz unmöglich, doch äußerst schwer und eine Sache, auf die im Leben zu rechnen, vergeblich wäre. Wir Ärzte sind noch viel zu wenig Herr der Vorgänge, die in dem fiebernden, in dem acut erkrankten Körper ablaufen, als daß unser Eingreifen dort sich nicht oft sehr empfindlich bestrafen und rächen sollte, wo dasselbe wirklich den Charakter der Bestimmtheit und Zuverlässigkeit annimmt, in dem es der Arzt bei seinem practischen Auftreten erscheinen lassen muß, wenn er nicht durch offenes und wahres Handeln in der Familie sich eines Vertrauens werth gemacht hat, das der Lüge jener Sicherheit und Zuversicht nicht mehr bedarf. Mit der letzteren aber kann der Arzt sich dann auch jener bald versteckteren und feineren, bald gröberen und 61 zur Routine gewordenen Charlatanerie eben nicht mehr entäußern, denn sie muß die Schwäche seiner wirklichen Position gegenüber dem erkrankten Körper bemänteln. Wenn ein Arzt gerufen wird, ein Kindbcttficber, eine Gehirnentzündung, einen Typhus, einen Cholerafall, einen Croup rc. rc. zu behandeln und wollte, ohne durch vorhergehendes ärztliches Rathen und Helfen der Familie als Hausarzt lieb und werth geworden zu sein, seine wahre Meinung offen und ehrlich über den Fall und das von ihm zu leistende Maaß der Hilfe sagen, so würden die, die ihn rufen ließen, sofort nach einem zweiten Arzt schicken, der sich und ihnen vorlügt, er vermöge in höherem Maaße Hilfe zu bringen. So geschicht's, wo die Ärzte in Concurrenz leben. Ohne Lüge wird in der Concurrenz kein Arzt Praxis bekommen, der ehrlich und offen ist, er müßte denn bei in ihrem Urtheil über ärztliche Hilfe und ärztlichen Werth recht gebildeten Leuten (wie sie nur in großer Diaspora leben) längere Zeit sich als Hausarzt Vertrauen zu erwerben, vermögend gewesen sein. Geborgen ist das Publikum mit seinem Begehren nach ärztlicher Hilfe nur, wenn der Arzt sein Vertrauen besitzt. Das Vertrauen aber wird er nur erwerben, wenn sein Wirken sich im Kreis der Familien entfalten, wenn er dort in treuem Wirken den Werth seines Berufes zeigen kann. — Das Helfen des Arztes in einzelnen Erkrankungsfällen vermag nicht so viel sichere Gewähr mit sich zu führen, daß darauf hin eine ausreichende Autorität des Arztes sich begründen ließe, wenn er, was wir zu seinem wie des Publikums Wohl nothwendig halten, der wissenschaftlichen Unwahrheit entsagt. Der wissenschaftlichen Unwahrheit aber müssen wir Ärzte entsagen, wenn es 62 besser mit unserer socialen Stellung, besser mit uns werden soll. Wir dürfen uns keine Lügen gegen das Publikum mehr zu Schulden kommen lassen, wenn wir haben wollen, daß es uns sein Vertrauen schenkt. Wir müssen endlich einmal anfangen und sagen: hier kennen wir die Krankheit, hier kennen wir sie nicht, hier vermögen wir zu helfen, hier vermögen wir's nicht. Wir müssen uns der widersinnigen Nomenclatur und Phraseologie entschla- gen, mit der wir das Publikum schließlich doch nur dupi- ren. Das Lüge in's Angesicht werfen rächt sich schließlich doch immer wieder an dem Lügner. Das sehen wir auch jetzt wieder. Es ist sich darüber gar nicht zu täuschen möglich, daß das Publikum gewaltig wenig tiefgehendes Vertrauen zu den Ärzten mehr hat. Und warum dies? Warum sind die Rheumatismusketten und Morison'schen Pillen, die Legionen populär medicinischer Schriften, warum ist z. B. in England die Quacksalberei bei Säuglings- krankhciten so ganz eminent und angesehen, warum gibt es fast in jedem Kreise von Menschen, mögen wir ihn im Salon, am Familientisch, im Freundeskreis, in der Kneipe, auf der Straße oder wo sonst nur beisammen finden, allemal nur um den Einen weniger Menschen, die einen guten Rath, ein gutes Recept, einen Einschlag zur Hand haben, als den, der eben ein Übel, ein Leiden, eine körperliche Einbuße Nagt? Hauptursache von dem Allen ist nichts, als daß die Ärzte lange Jahre hindurch das Publikum belogen haben, belogen zu einer Zeit, wo der Ärzte Nimbus nicht mehr groß genug war, die Lüge zu decken. Jetzt haben wir eben die Folgen zu tragen und wir Ärzte stehen da mit leeren Händen, leer an dem uns unerläßlichen Vertrauen des Publikums. — Was will 63 all' das Reden von dem „Nervöswerden einer Krankheit", von der Gefahr des „siebenten oder neunten Tages", von der „Sphäre der höheren Dynamik", in der das Leiden begründet sei, von dem „Facetten-Geräusch" (!!!) bei Gallensteinen, damit anders erreichen, als Nichtwissen bemänteln? Was soll man von dem Verkchrtaufsetzcn der Stethoscops, von dem Beklopfen des Körpers sagen, wenn der leere Ton vom tympanitischen nicht unterschieden wird! Was soll es mit den Leberdiffcrentialdiagnoscn, die sich am Sectionstisch nicht bestätigen, was mit der fehlenden Milz eines Kranken, dessen todter Körper sie nachwies! Was wird mit dem Herzpolhp, mit der goldenen Ader, mit den Hämorrhoidalleiden noch für ein wahrer Tcufels- spuk von den Ärzten getrieben! Welche trübselige 011a potricia ist das Geschlecht des Nervenfiebers noch in vieler, vieler Praxis! Welche ohne alle chemische Kenntniß geschriebenen, ganz widersinnigen Recepte weisen unsere Apotheken noch nach! Welche Mittel ziehen gegen den Krebs noch zu Felde! Welcher nutzlose Medicamcnten- kram marschirt gegen „Lardialgie„ noch auf! Welche unzähligen Nerven- und Blutleidcn unserer Damen curirt der Arzt noch mit Medicin, wo kalte Clystirc die habituelle Leibcsvcrstopfung durch eine normale Zusammen- ziehung des unelastisch gewordenen Mastdarmgewcbes heben könnten! Wie nimmt der Practikcr die Krämpfc der Säuglinge noch als ein pathologisch-anatonnsches tast ao- eompli hin, das keiner ätiologischen Recherchen weiter zugänglich sei! Auf wie zahllose leere Vorstellungen und welche armselige Kannegießcreien mit der Frau Schwiegermutter, der Mutter, der Base, der Freundin, der Hebe- amme der Kranken läßt sich der Arzt so oft noch ein und 64 schämt sich nicht des sinnlosen Gewäschs! "Die Lüge schlägt wieder." — Viele werden den Vertrauensmangel der Laien zu dem ärztlichen Stand aus der Pietätlosigkeit unserer Zeit erklären wollen, oder aus dem Umstand, daß die frühere Heilmethode mehr geleistet habe. Warum leisten denn dieselben Mittel, die früher als untrüglich, als zuverlässig gerühmt wurden, heute nichts mehr? Ist etwa die menschliche Natur eine andere geworden? Nun reell haben sie früher eben auch nichts geleistet, Niemand aber wußte darum. Was auf Kosten des Medicamentes Nachtheiliges im Körper geschah, ward auf Rechnung der Krankheit hingenommen. Die Täuschung besteht nicht. „Die Sonne bringt's doch an den Tag." Das Vertrauen schwand unter jener, es wird nur zurückkehren, wenn jene flicht. Möchten doch alle praktischen Ärzte die Nothwendigkeit dieser sich bedingenden Momente recht fest im Leben erfassen! In dem Kreis der Familien aber als helfender, rathender Freund in ärztlichem Berufe stehen, dem gegenüber ist eine Concnrrenz der Ärzte, ein Hinzutreten eines Arztes in einen Kreis, wo kein Begehren nach einem Arzt ist, ein Nonsens. Es ist ganz widersinnig, von der Nothwendigkeit ärztlicher Concnrrenz zu rede». Und dies durchaus eben nicht allein aus dem zuletzt angezogenen Grunde, sondern auch weil, wie wir oben bewiesen, bei Concurrenz die Autorität des ärztlichen Standes überhaupt verloren geht, und ohne Autorität ist die Stellung als Haus- und Familienarzt nicht denkbar. Das beweist mit zu betrauernder Evidenz die Abnahme der Sitte, Hausärzte zu haben. Es wechseln wohl viele Familien nicht mit 65 dem Arzt, sondern es fragen bei Erkrankungsfällen wohl noch viele namentlich in den gebildeten Kreisen immer denselben Arzt um Rath, aber von einer Stellung eines dauernd im Haus aus- und eingehenden ärztlich rathenden Freundes ist verhältnißmäßig an unendlich wenig Orten die Rede. Im großen Ganzen wird der in Fällen der Nothwendigkeit gerufene Arzt wie der herbeigerufene Schlosser, Tapezirer, Schmied '-gebraucht» und »bezahlt.» Das ist ein Unglück für den ärztlichen Stand, es ist aber natürlich ein noch größeres für das Publikum, nicht allein, weil, wie wir oben nachgewiesen, dasselbe damit des Hauptvortheils verloren geht, den es von der prophylaktischen Thätigkeit des Arztes haben könnte, sondern auch weil damit ein materieller Nachtheil in Fällen von Krankheit verbunden ist. — Wo der Arzt Freund des Hauses ist, wird er nicht erst von einem Unwohlsein unterrichtet, wenn dasselbe den Betroffenen zu einem Legen in's Bett nöthigte, sondern der beginnende Kopfschmerz, ein vorübergehender Frostschauer, wie tausenderlei kleine Störungen sind es, die ihm geklagt werden und mit deren Beachtung er schweren Erkrankungen vorzubeugen vermag. Geht der Arzt nicht regelmäßig ein oder mehrere Male in der Woche in der Familie aus und ein, dann ist es ja eine bekannte Sache, wie das Publikum fast regelmäßig um oft viele Tage zu spät nach Hilfe schickt. — Aber dieser oft zum empfindlichsten materiellen Nachtheil ausschlagcnde Umstand ist es nicht allein, der dem Verschwinden der Stellung der Hausärzte folgt, ein weiterer ist auch der, daß, wo die Eoncurrenz dem ärztlichen Stand die ihm so nöthige Autorität und das Vertrauen untergraben und geraubt hat, der Patient sehr oft nach ü 66 entfernter, natürlich nur theuerer und dann doppelter Hilfe verlangt. Diese Erfahrung werden viele meiner Leser gemacht haben. War z. B. Iahrzehende lang in einem Kreis, einer Gemeinde, einer kleineren Stadt ein älterer Arzt die alleinige ärztliche Hilfe, genoß er das allgemeine Vertrauen, so geschah es fast nie, daß fremde Ärzte in dem Kreis, der Stadt gesehen wurden. Der alte geachtete N. R. war dem Publikum Autorität. Die Scene ändert sich und die Concurrenz setzt zwei, drei, vier Ärzte nach seinem Tode in denselben Kreis, dieselbe Stadt. Nach Raissonnement des Publikums hält sich dasselbe jetzt besser bewahrt und wie merkwürdig, es vergeht doch keine Woche, wo nicht ein fremder Arzt in die Stadt gerufen wird oder wo nicht ein Patient persönlich oder durch Bermittelung auswärts Hilfe sucht. — Das ist dann der Gewinn, den ! das Publikum von der Concurrenz der Ärzte hat! Wir haben unserem Büchlein den Titel vorgesetzt „die Ärzte in der Concurrenz" und könnteu mit der bisher gegebenen Behandlung unseres Vorwurfs hier abschließen, wenn wir bloß hätten schreiben wollen, um Übelstände ! aufzudecken, verlorene Positionen zu zeigen, auf Thränen ! und Noth hinzuweisen, kurz auf recht kranke, das Leben ! der Menschen recht bedräuende Verhältnisse den Blick un- ^ serer Leser zu richten. Damit allein aber schon zu helfen, daß man das Übel in seiner ganzen Nacktheit zeigt, dazu gehört, daß man es in lebendigeren, schärferen, helleren Zügen und Farben zeichnet, als das Leben, die Verhältnisse, wo jenes Übel wohnt, diese selbst schon predigen. I Dazu gehört eine Posaunenstimme. Ferner aber hat in ' unserer Frage das Tadeln lind Klagen allein wirklich we- 67 nig Werth, weil Jedermann fast die Klagen als zu recht bestehend anerkannt, aber meint „zu helfen sei da nicht." Das ist's, was uns als zweiten Theil unserer Arbeit eine Antwort auf die Frage geben heißt: „Was thut da Noth?" Die oben von uns aufgezeichneten Skizzen über der Ärzte Stellung in der Concurrenz werden meine Leser immer mit dem kaum zu unterdrückenden Einwurs begleitet haben: „Ja wer soll denn aber bestimmen, wenn dem Begehr einer Gemeinde nach ärztlicher Hilfe Genüge geschehen ist? Wer soll denn sagen, in dem Kreis ist ein Arzt, in dem sind deren zwei, in jenem drei Bedürfniß? Du hast selbst gesagt, über das Maaß der Krankhcits- objebte, die ärztlich behandelt werden sollen, über die Art und Weife, in der die Behandlung geschehen soll, wie damit natürlich auch über den Lohn, mit dem jenes Begehren erkauft und befriedigt wird, steht keiner Gewalt der Erde, als den betroffenen, leidenden Menschen selbst eine Entscheidung zu; Du hast selbst damit folgerecht ein Eingreifen der Staatsgewalt als vergeblich und erfolglos bezeichnet; wie soll sich nun aus dem chaotischen Gewirr der öffentlichen Meinung, aus diesem für jede Kritik über ärztliche Dinge inkompetenten Knäuel der Urtheile und Begehren eine Entscheidung über das Wieviel der ärztlichen Hilfe abklären und niederschlagen und dies zwar in einer Weise, die für den praktischen Gebrauch zu sicherer Norm und Regel wird?" Das sind die Fragen, die uns bleiben und die, vermöchten wir sie nicht zu beantworten, auch unsere vor- 5 * — 68 - stehenden Klagen über die ärztliche Concurrenz werth- und erfolglos machen würden. Vergegenwärtigen wir uns zunächst mit möglichster Klarheit die ganze Größe des Conflicts, der dabei in Frage steht, an einem praktischen Fall. Zwei Stunden von ! einem Städtchen, wo ein Arzt lebt, liegt ein großes Dorf ' und in ihm wohnen ein Pfarrer, Schullehrer, ein Förster, zwei wohlhabende Müller, die Pachtersfamilie eines Freigutes, zwanzig Baucrsfamilien und noch mehrere Häusler. — Ein zweiter Arzt will sich in jenem Städtchen niederlassen, und die Bewohner dieses Dorfes und der in gleicher Lage sich befindenden Nachbardörfer Petitioniren bei dem Amtmann des Städtchens, das Domiciliren jenes zweiten Arztes zu befürworten und durchzusetzen bei der ' Regierung, da für alle solche Fälle ja der Bewohner ganz richtig calculirt »daß, wie es in den Wald schallt, so es wieder zurückschallt." Die Petition wird folgenderweise motivirt. Es lasse sich der eine Arzt in dein Städtchen für den (zwei Stunden weiten) Weg 1 Thaler bezahlen und wenn einmal eine Familie ein Unglück habe, lange Zeit den Arzt zu brauchen, so sei die Ausgabe ganz unerträglich. Der eine Arzt natürlich sei gewissermaßen mit seiner Kunst monopolisirt und werde sich ohne Concurrenz, ohne daß ein zweiter Arzt hinzutrete, nicht herbeilassen, den Weg für einen halben Thaler zu machen. Auch werde in vielen, vielen Fällen von Krankheit gar ^ der Arzt nicht gerufen, auch von solchen, die ihn zur Noth ! bezahlen könnten, wenn er billiger wäre und so reiße in I viele Familien durch frühes Siechwcrdcn einzelner Glieder ! derselben entsetzlich viel Unheil ein. A fl th sc v, b< a, vi la w w b, ai le 4l ei M g' 8 ' sü Ä C ai ai E T di A 69 Am liebsten hätten sie freilich darum gebeten, daß der Arzt sich in ihrem Dorf selbst niederlasse, das aber, sähen sie ein, sei ohne eine Unterstützung des Staates nicht thunlich rc. rc. — In einer solchen Petition rubriciren noch allerlei anscheinend treffende Motive und hat sie ein geschickter Ad- vocat gemacht, so kann sie wirklich Stein und Bein erbarmen. Das Medicinal-Collegium, das um sein Gutachten vom Gouvernement gefragt wird,, legt die Sache vielleicht auch jenem einen Arzt vor, und dessen Ansicht lautet ungefähr folgendermaßen: Er wisse recht wohl, wie schwer der Aufwand in Erkrankungsfällen den Bewohnern jenes Dorfes und aller in gleicher Situation sich befindenden Dörfer werde und wünsche lebhaft, daß dem anders sein möchte, aber er verdiene sich gerade 800 Thaler p. a. durchschnittlich und werde sich natürlich nur 400 Thaler verdienen können, wenn er seine Praxis mit einem zweiten Arzt theilen solle. Mit diesem Lohn vermöge er in seiner Stellung als Arzt nicht zu leben und gäbe einem hohen Collcgium anheim, seine sothanige Lage in geneigte Erwägung ziehen zu wollen rc. rc. So gcht's in einem Fall, wo der Arzt gehört wird. Es erscheint zwar unglaublich, aber es ist doch so, in vielen Ländern wird der Arzt gar nicht gehört, sondern das Gouvernement setzt in seiner väterlichen Fürsorge für den an ärztlicher Hilfe Mangel leidenden Kreis noch einen, auch noch zwei und drei Ärzte hin, wenn es an dem Grundsatz der Concurrenz, des laisaer faire, in diesen Dingen festhält. "Sie mögen sich auffressen", so heilt die Natur die Übersetzung ja auch aus. Auf einem Fleck Waldboden wachsen nur so viel Eichen aus den vielen 70 dort keimenden Eicheln empor, als Raum finden. Die an- 1 dern verkommen wieder. — Ja wenn's nur um das Ver- ^ kommen der Ärzte wäre, wir haben oben gezeigt, was es mit dem Verkommen des kranken Publikums dabei für ' eine Bewandtniß hat. — ' Wie scharf treten in diesem Fall, der eben ein dem ^ Leben entnommener ist, die Interessen des ärztliche Hilfe ' begehrenden Publikums gegenüber dem Juteresse des Arztes. ' Wir betrachten noch einen ähnlichen Fall. In einer klei- ' nen Stadt von 2000 Einwohnern, ringsum von einer ar- ^ men ländlichen Bevölkerung umgeben, versah vor Jahren ^ ein Arzt die ärztliche Praxis allein. Er war beschäftigt, ' ernährte sich gut und es gab keine.»lagen, daß Begehren ! nach ärztlicher Hilfe nicht wären befriedigt worden. Seit- i dem ließen sich mehrere Ärzte noch in dem Städtchen ^ nieder, die natürlich nicht hinreichend beschäftigt sind, denn ' die Bevölkerungs- und Erwerbsverhältnisse des Kreises haben sich nicht gehoben. Der eine hat noch private Sub- sistenzmittel und erhält sich dadurch in seiner bürgerlichen Stellung, ein Anderer versuchte zu schleudern und durch billigere Forderungen die Praxis an sich zu reißen. Es mißlang. Ein Dritter sieht das ganze Misöre seiner und seiner Collegen Stellung ein und sinnt, wie zu helfen sei? Die Frage des Übersetztseins des ärztlichen Standes wird im Publikum vielfach discntirt und es treten ärztliche Stimmen mit der Behauptung auf, es seien ihrer zu viele im Städtchen. Doch siehe da, welch' ein Wehren, welch' eine Opposition unter den Laien. Da hören wir „nur ein Arzt in unserer Stadt, das wäre schön, wenn der nun einmal Stunden, ja einen halben Tag außer Ortes und über Land wäre! Da sollen wir warten, wenn un- 71 sere Frauen in Kindesnöthen liegen, wenn unsere Kinder einen Bräuneanfall erleiden, wenn unseren Vater, unsere i Mutter ein Schlaganfall trifft! Das wäre eine schöne > Angst für uns! Nein, da wollen wir uns schön bedanken und froh sein, daß wir so viel Ärzte haben." Und in i der That, die Bewohner setzen alle Hebel ein und schaa- > ren sich in einer Petition zusammen, die Zahl der Ärzte , dürfe nicht verringert werden, sonst seien ihre "heiligsten , Rechte" (sie!)*) gefährdet, und an ihrer Spitze erscheint > der Amtmann des Städtchens, und die übrigen Beam- , teten nehmen Theil an der Petition und wenn es zur Entscheidung kommt, liegt dem Gouvernement ein amtlich sanctionirter, wahrheitsgetreuer Bericht vor, daß die An- , zahl der gegenwärtigen Ärzte nicht dürfe verringert wer- ^ den, wenn die Gesundheit des Publikums nicht gefährdet i werden solle. ! Vielleicht hält nun im Fragfall das Gouvernement - an dem „auäiatur et altern xars" fest und fragt auch l die betreffenden Ärzte um ihr Urtheil, vielleicht geschieht's > auch nicht. — > Wie im ersteren Fall die Antwort ausfällt, läßt sich i denken und kämen statt eines collegialischen Arbitriums > drei Separatvota zu Stande, die Quintessenz alles Ur- i theils von daher sammelte sich in dem Wunsch der Ärzte, . nur ein Gesichertsein vor Concurrcnz vermöge ihnen zu : helfen. — ' Da steht nun die Landesregierung und, die Erfahrun- : gen verschiedener Länder beweisen es, sie läßt ihr Handeln ' *) Denn um die Pflicht, natürlich anch für der Ärzte SuL- ^ sistenz Sorge tragen zu müssen, wenn es deren Hilfe für sich in Anspruch nimmt, kümmert sich da« liebe Publikum ja nicht. 72 in principloser Schwäche sich nach dem Grundsatz des „Iküsser Lire" richten. »Sie mögen sich auffressen." Die Ärzte des Städtchens sind js doch mehr weniger an ihrer Stellung selbst schuld, das hat vielleicht die Fama aus der Provinz nach der Residenz getragen. Der eine von ihnen ist eine widerborstige, unbeugsame Natur, die überall mit dem Kopf durch die Wand will und sich den »nun einmal nicht zu ändernden" Launen des Publikums nicht fügen, sich nicht amalgamiren will, der Andere »soll" sich einmal Etwas vergeben haben, er soll seinen Stand durch Pudelmanier heruntergedrückt haben, der Dritte ist ja ein reicher Mann. O die Verhältnisse sind noch lange nicht so motivirt, daß sie unser hohes Eingreifen verdienten rc. rc. — So und so in 100 Varianten wird das Hände in den Schooß legen excusirt, dem in Wahrheit nur die Scheu zu Grunde liegt, der Bevölkerung des Städtchens in bestimmter Weise einen Wunsch zu versagen. Doch wir sagten ja oben einmal: »das um das Schicksal der von ihm ja nur approbirten aber nicht besoldeten Ärzte sorglose Gouvernement", und in diesem Verhältniß liegt der Erklärungsgrund zu dem eben gerügten Princip. — Hier erhebt sich denn nun noch eine Schwierigkeit und wir sehen neben den eben bezeichneten Conflicten zwischen den Interessen des Publikums und denen der Ärzte noch eine neue Schwierigkeit daraus entstehen, daß anscheinend die Staatsgewalt gar nicht berechtigt ist, hier einzugreifen, einmal weil es die Ärzte nicht besoldet und zweitens, weil ihni ja die Gewalt nicht zusteht, die Begehren des Publikums nach ärztlicher Hilfe in der und der Höhe zu erhalten, kurz in irgend einer Weise zu normiren. 73 Diese scheinbar unentwirrbaren Dinge sind es, die bisher in so vielen Medicinalverfassungcn ein festes nnd heilbringendes Ordnen der Widerstreitenden Interessen ver hindert haben. Fassen wir die früher gefundenen Sätze, die uns die alltägliche Erfahrung, das praktische Leben selbst an die Hand gab, noch einmal in Folgendem zusammen. 1) Der Stand der Ärzte muß ein wesentlich verschiedener sein, einmal je nachdem diese die Intentionen der Staatsgewalt mit ausführen und folglich Staatsdiener sind und zweitens, je nachdem sie mit ihrem Erwerb lediglich und allein an die Praxis gewiesen und somit frei- practicircnde Ärzte sind. 2) Über das Begehren des Publikums nach ärztlicher Hilfe steht Niemand als diesem selbst eine Entscheidung zu. Die Menge der ärztlichen Hilfe, d. i. die Anzahl der freipracticirendcn Ärzte also läßt sich nach keinem an deren Maaßstab normiren, als dem, den die Erfahrung abgibt. 3) Das Publikum selbst aber ist unfähig, allein und einseitig das Resultat der Erfahrung zu ziehen, wie andererseits auch die Behörde kein Recht hat, in den Interesse- kreis des Publikums wie in den der Ärzte einzugreifen. Das waren die drei Sätze der Erfahrung. Mag man über die sociale und bürgerliche Stellung, die die Ärzte in der Gegenwart einnehmen, nachdenken, wie man will, man wird immer zu den obigen Anschauungen zurückkehren müssen, wenn man sich müht, Ordnung in ihren Stand, Klarheit in ihre Stellung zuin Staat, wie zum Publikum zu bringen. Es sind aber diese drei Sätze zum rechten Beweis, daß sie dem Leben und der Erfahrung 74 entnommen sind, auch vollkommen hinreichend, um auf ihrer Basis allen den Conflicten zu entgehen, in die wir noch vor Kurzem unsere Aufgabe verwickelt sahen. — Betrachten wir zunächst die erste unserer Forderungen, daß ein durchgehender Unterschied zwischen besoldeten und nicht besoldeten Ärzten gemacht werde. Es wird zunächst heißen, der Unterschied ist ein unpraktischer, unausführbarer, denn der Staat hat dazu die Mittel gar nicht, überall dort, wo er in irgend einem Fall der Hilfe eines Arztes bedürftig ist, einen Arzt so zu besolden, daß er ihn ausschließlich als Staatsdiener ansehen, daß der Arzt von dieser Besoldung leben kann. Auf den ersten Anblick scheint das so. Wie aber steht es mit dieser angeblichen Unmöglichkeit bei einer näheren Betrachtung der Sache? Gehen wir die Stellungen, in denen Ärzte voin Staat Besoldungen erhalten, durch. Die Leibärzte der Regenten sind Staatsdiener, sobald sie auf Lebenszeit angestellt, namentlich sobald sie wirklich vom Staat Besoldete sind. Wo der Regent seinen Arzt aus seinen Bütteln besoldet, gehört er nicht hierher. Im ersteren Fall aber sollten wir meinen, müßte es dem Lande selbst daran gelegen sein, daß der Regent ausschließlich für sich und sein Haus ärztliche Hilfe zur Seite habe, die ihn auf Reisen in seinem Land oder auswärts ohne weitere Störung begleiten kann. — Wir meinen, es gehöre sich, daß in dieser Art besoldete Leibärzte dies auch in der That sein könnten und so besoldet würden, daß sie in dieser Stellung ihre Existenz begründet sähen. — Wir erwähnen ferner die Mitglieder der Medicinal- Collegien, die Sanitätsärzte, die Regierungs-Assessoren 75 vorn ärztlichen Stand oder wie deren Namen sind. — Wir vergegenwärtigen uns zunächst den Berufskreis von Ärzten, die der Regierung des Landes maaßgebend in Leitung aller das Urtheil eines Arztes erfordernden Dinge zur Seite stehen. Zunächst steht einem solchen Medicinalrath zu, allen Erscheinungen im Lande zu folgen, die sich auf das physische Wohl und Wehe der Bevölkerung beziehen. Er wird vor Allem die Statistik des Landes, die ja in keiner wohlgeordneten Regierung fehlen darf, sorglich auszubeuten suchen, er wird das durchschnittliche Lebensalter der Ge- sammtbcvölkerung, das jeder AltcrSclassc, das jeden Standes rc. rc. sich ausziehen und wo die Statistik das zu erheben noch versäumt, geeigneten Ortes dahin zu wirken suchen, daß dem geschehe. — Er wird so sich durch die Statistik und wo das nicht ausreicht, persönlich von dem physischen Zustand der Bewohner des Landes überzeugen. Er wird dadurch der Regierung ein weit unschätzbareres Material von Beobachtungsresultaten zu geben vermögen, als es die so vielfach rrügerischen Steuer- und Einkommcn- und Vermögens - Register zu thun im Stande sind. — Wonach pflegte denn gewöhnlich unsere offizielle Statistik das Vorwärtskommen eines Staatsganzen zu schätzen? Nur nach dem Steigen der Bevölkerung, weil man im Stillen von einem Werth der Menschenhände an sich träumte, nach dem Steigen der Staatseinnahmen, nach dem Steigen der industriellen Unternehmungen rc. Und doch wie trügerisch erwies sich solches Calcul! Vor welcher Noth ist England nach jahrelangem Steigen dieser angeblichen Staatswohlfahrt angekommen! Wie hätten treue Berichte von Sanitätsräthen das Heruntergehen des durchschnittlichen Lebensalters, das physische Verwahrlostwerden ganzer Classen der Bevölkerung, das untauglicher Befllndenwerden der jungen Männer zum Kriegsdienst, das Vermehren der Krankheiten, das Heruntergehen der Nahrungsmittel des Volkes rc. nachgewiesen und mitten in den trügerischen Glanz der Finanzwirthschaft hinein ein heilsames Schlaglicht auf den physischen Zustand und damit auf den moralischen und sittlichen Werth der Bevölkerung fallen lassen, da es ein alter Erfahrungssatz ist, daß dem physischen Ruin eines Volkes der sittliche unvermeidlich auf dem Fuße folgt. Und wie gelten diese Fragen dem Leben jeder kleinen Gemeinde doch gerade so, als dem Wohl einer großen Nation! Doch es ist hier nicht der Ort, dies weite Gebiet der Thätigkeit eines wirklichen Medicinalrathes zu durchwandern, denn wo solche Hilfe zu brauchen einmal der Wille da ist, ist auch der rechte Mann nicht fern, der sie bietet. Ferner aber liegt einem solchen Beruf die Überwachung und die Oberaufsicht aller dem ärztlichen Handeln dienenden Institutionen ob. Dahin gehört zufördcrst die Oberaufsicht über das ärztliche Publikum selbst. Hier ist die natürliche erste Instanz für berufliche Vergehen der Ärzte. Dahin gehört die Aufsicht über die Apotheken, die aber füglich einem Professor der Chemie oder Pharmacie an einer Universität des Landes überwiesen werden sollte. Ferner gehören dahin die Examina der um ärztliche Praxis petircnden Landeskinder, obwohl diese auch füglich allein in die Hände der Universitätslehrer gelegt werden sollte. Es gehören dahin die Abstellungen ärztlicher Gutachten, wenigstens der von den Behörden verlangten Sub- arbitrien. 77 Doch es erübrigt uns ja hier durchaus keine Ausführlichkeit des fraglichen Ressorts. Es kommt uns lediglich darauf an, zu zeigen, daß der Beruf jener Räthe im Mcdicinalfach ein so wichtiger, ein so schwieriger, und ein so ausgedehnter ist, daß Niemand ernstlich behaupten kann, der Staat vermöge den oder die Ärzte, die er zur Ausübung dieses Berufs erwählt, nicht so zu besolden, daß damit ihre Existenz begründet sei. Wo das ein Staat in der That nicht kann, da sieht es freilich traurig aus, denn er kann dann eine Pflicht nicht üben, die die reichsten Procente ihm tragen würde. Bei einer günstigen Stellung der Ärzte vermag in einem Kreis von IM,000 Seelen ein tüchtiger Arbeiter diesen Beruf eines Medicinalrathes wohl vollständig auszufüllen, vorausgesetzt, daß ihm eine gut geleitete Statistik des Landes zur Disposition steht. Doch eine solche Berufsthätigkeit annähernd zu bestimmen, gehört hier nicht her, da es uns allein darauf ankommt, zu beweisen, daß der wichtigsten Arbeit genug da ist, um im Interesse der Staatsgewalt einen Arzt so zu besolden, daß seine Existenz begründet ist und daß ferner der Beruf eines in der angedeuteten Weise beschäftigten Medicinalrathes nicht verträglich ist mit der ärztlichen Praxis, so sehr es natürlich ein unumgängliches Erfordcrniß bleibt, daß solche Stellen nur Männern anvertraut werden können, die längere Zeit in ärztlicher Praxis thätig gewesen sind. — Weiter betrachten wir die Stellung der Universitätslehrer. Daß diese natürlich vor Allem Professoren, das heißt "auf die lautere Lehre der Wissenschaft Bekennende« sind, ist natürlich, und kann es uns nicht ein fallen, dieselben, weil wir sie hier unter die Staatsdicncr 78 reihen, deshalb in diesem ihren freibekennenden Beruf gefährden zu wollen. — Wo, in welchen Gebieten des Wissens es auch sei, in treuer Weise die Resultate wissenschaftlicher Forschung verbreitet werden, kann ein unlösbarer Conflict zwischen dem Lehrer der Universität und einer erleuchteten Staatsgewalt nicht wohl gedacht werden. Uns gilt es hier eine sociale Gliederung in dem ärztlichen Stand zu schaffen. Eine andere Stellung als die der besoldeten Ärzte läßt sich aber für die Professoren nicht wohl denken. Sie sollen und müssen die höchstbe- soldeten unter den Ärzten sein. Wenn den Männern der Wissenschaft es möglich sein soll, die vollen Kräfte dem Beruf ihrer Forschung zu widmen, wenn sie geeignet sein sollen, ohne Ruhe und Rast hier oder da der Lösung einer Aufgabe, der Ausführung eines verwickelten Experiments ihre Zeit und Kräfte zu widmen, da muß ihnen die Art und Weise ihrer bürgerlichen Stellung zu einem Comfort gemacht werden, sie müssen wenigstens nicht noch nöthig haben, um ihres Erwerbes willen der Praxis nachzugehen. Die Professoren der Medicin auf unseren Universitäten auf ärztliche Praxis anzuweisen, ist ein eben so großes tcstimonium i^norantia« als pauxortalis für den Staat. — Ihnen eine consultatorische Praxis zu erlauben, das wird Niemand für ihren Beruf nachtheilig noch für ihre Stellung gefährdend halten, aber daß Professoren bedeutende ärztliche Praxis haben, ist ein Unglück für sie wie für die Wissenschaft, denn jeder Kundige weiß, wie die letztere darunter leiden muß. — Nun wir wollten die sociale Stellung der Professoren der medicinischen Facultäten nur angeben und nachweisen, 79 wie auch hier eine Zwitterstellung nur verderblich sein könne. — Sie gehören ihrer staatlichen und socialen Stellung nach der Classe der besoldeten Ärzte an. Wir nannten oben als weiter dahingehörig die Militärärzte. Hier ist ein pekuniäres Opfer des Staates unserer Meinung nach allerdings nicht zu vermeiden, da wir dafür halten, dem Militär müßten so viel Ärzte zur Seite stehen, als es in Zeiten des Krieges braucht. Ist Frieden, so liegen allerdings jkräfte brach, aber einmal lassen sich dadurch, daß die Militärärzte sich an ständig bei der Fahne bleibenden Leuten, wie Unteroffizieren, gute Assistenten ziehen können, die ärztlichen Hilfen im Krieg sehr reduciren und dann gewährt der Frieden dem Staat sicherlich Gelegenheit, die brach liegenden Kräfte der Militärärzte anderweitig zu verwenden. Die Militärbudgets haben aller Orten eine solche Bedeutung, daß es darauf dem Staat unmöglich ankommen kann, die Militärärzte so zu besolden, daß dadurch ihre Existenz begründet ist. — Die Militärärzte sollten unter der I. Classe der Ärzte stehen, unter den (ausreichend) besoldeten. Noch eine berufliche Stellung nehmen zur Zeit Ärzte im Staate ein und werden, je nachdem die oder jene Seite ihres Berufs dabei maaßgebend war, Phhsici, Bezirksärzte, Gerichtsärzte, Armenärzte, Amtswundärzte, Amtsarmenärzte rc. rc. genannt. — Hier scheint sich der von uns angestrebten staatlichen Classification der Ärzte ein Hinderniß zu bieten in dem Umstand, daß der Kreis der vom Staat beanspruchten Thätigkeit der fraglichen Ärzte ein viel zu kleiner ist, als 80 daß er dafür dem Arzt einen seine Existenz sichernden Lohn gewähren könne. — Nun zunächst müssen wir uns wohl den Eingriff erlauben, die Armenärzte als vom Staat fest zu besoldende zu streichen aus der Classe der Staatsdiener. — Das Armcnwcsen wird, darüber sind die Meinungen der mit der Frage Vertrauten einig, über kurz oder lang aus der Hand des Staates in die größerer oder kleinerer Armenbezirke übergehen. Die bisherige Zwangsarmenpflege wird einer freiwilligen das Feld räumen müssen. Bis das geschehen, genügt es, wenn die Behörde in jedem einzelnen Fall, wenn ein Armer bei ihr krank gemeldet wird, zu irgend einem, beliebig von ihr zu erwählenden Arzt schickt, der nach einer gewissen, möglichst niedrigen Taxe den Fall zu behandeln hat. — Wenn der ärztliche Stand nicht durch die Concurrenz degradirt ist, sind von einer solchen Maaßnahme keine weiteren Unzulänglichkeiten zu befürchten. Wenn aber die Armenpflege eine freiwillige geworden und den Gemeinden übergeben ist, dann ist vo ip8o von vom Staat zu besoldenden Armenärzten nicht mehr die Rede. Eine Controle, eine Kenntniß über den physischen Zustand der Bevölkerung ist ja für den Staat dann immer noch von der größten Wichtigkeit, diese wird er aber viel leichter aus der oben von uns skizzirten Berufsthätigkeit eines Medicinalrathcs schöpfen können, als aus der Wirksamkeit von ihm gar nicht oder nur halb besoldeter und deshalb nur halb zu controlirendcr Armenärzte, deren Thätigkeit zum größten Theile der Natur der Sache nach im Buche steht. 81 Fällt aber die Besoldung eines Armenarztes weg, so ist es noch die Stellung am Gericht vor Allem, für die der Staat einen Arzt besoldet. — Ist der Gerichtssprengel so groß, daß der fragliche Arzt zu einem großen Theil seine Thätigkeit auf seine Phhsikats-Geschäfte verwenden muß, so mag der Staat einen Arzt fest für diese Stellung engagiern. Der fragliche Gerichtsarzt tritt damit in die Reihe der Staatsdiener. Wo dies nicht der Fall ist, oder der Staat sich zu diesen! pecnniären Aufwand nicht versteht, da muß es genügen, für den einzelnen Fall einen Arzt aus der Reihe der freipracticircnden Ärzte zu requiriren. So gut über das Wohl und Wehe eines Angeklagten entscheidende Zeugen vereidigt und gebraucht werden aus der Menge des ganz unmöglich so genau gekannten Publikums, so gut, sollten wir meinen, müßte auch ein praktischer Arzt in gerichtlichen Fällen gebraucht werden können, den man ein für alle Mal vereidigt oder für jeden Casus einzeln, ein Mann, dessen Charakter seiner öffentlichen Stellung als Arzt wegen sicherlich einer zuverlässigen Beurtheilung unterliegt. — Welche Mittel aber würden dem Staat durch eine solche Ordnung des ärztlichen Standes zur Disposition gestellt für die genügende Besoldung von bei weitem weniger Personen, die ihm aber eben ganz angehörten, die ganz allein in seinem Interesse arbeiteten und die mit außerordentlichen! Gewinn ihm zu dienen im Stande wären, weil sie in ihrer früheren Stellung als freipractici- rende Ärzte in jener Weise mit den Verhältnissen der Privaten vertraut geworden waren, die allein ein treues Bild von den itebcnszuständen unseres Volkes zu entwerfen vermag. — Mag nur Jeder einmal in seinem Kreise 6 82 die zersplitterten kleinen Gehalte summiren, die Armen- l ärzte, Amtswundärzte, Kreisphhsici, Gerichtsärzte rc. er- l halten, und dafür eine der Staatsgewalt allein angehörende ärztliche Persönlichkeit besoldet denken, so springen die Vortheile so gesammelter Kraft Jedem von selbst in die Augen neben der bisherigen, reell nutzlosen Vergeudung der finanziellen Mittel für viele kleine Besoldungen. Im Fürstenthum Lippe-Detmold, das in ganz Deutschland von den Collegen um der Sicherstellung seiner Ärzte halber beneidet ist, zahlt z. B. der Staat jährlich 5000 Thaler an 26 von den 29 im Lande praktisch thätigen Medicinal- personen. Thäte das der Staat dort nicht, so wäre Noth vorhanden unter den Ärzten. Letzterem würde durch ein Reducirtwerden der Anzahl der Ärzte abgeholfen werden können, was aber vermöchten dann 2 Medicinalräthe jenem Lande für eine Hilfe zu leisten, wenn deren jeder mit einem Gehalt von 1200 Thalern einen Kreis von je 52,000 Seelen in staatsärztlicher Beziehung zu übersehen hätte, und wenn die dann noch übrig bleibende Summe von 2600 Thalern zu Besoldungen solcher ärztlicher Stellen, die noch unumgänglich nöthig sind, verwendet, und jene Splittergehalte von 100 und 75 und 50 Thaler eingezogen würden. Wir haben bisher unter den ärztlichen Dingen, die einer staatlichen Controle unterstehen, das Hebainmenwesen noch nicht erwähnt, sowie auch noch nicht einen Blick geworfen auf ein cwux für unsere Medicinalrcform, wir meinen den Stand der Chirurgen. Es ist schon seit langer Zeit Sitte, auf diese armen Männer als auf eine zu vertilgende Schaar von Pseudo- Äsculapen den Stein zu werfen. Es ist das natürlich ein eben so vergeblicher als ungerechter Weg. — ES ha- 83 ben jene Chirurgen I., II. und III. Classe oft mit schwe- rer Noth, mit vieler körperlicher Anstrengung, sehr oft mit ihrem besten Wissen und Gewissen ihr Brod verdient und unverkennbar manche Hilfe gebracht. — Und dann halten wir doch fest an unserem obigen Satz, daß über die Art der ärztlichen Hilfe nur und einzig und allein das Begehren des Publikums entscheiden kann. Was können denn jene armen, um ihres Halbwissens ebenso wie unsere auf den gewöhnlichen Seminarien angelernten Volksschullehrcr zu bedauernden Chirurgen dafür, daß nach ihnen noch jener Begehr unter dem Volk ist? — Wohlthaten lassen sich nun einmal nicht aufzwingeu, das ist eine alte Erfahrung, und so ergeht es auch den bestgemeinten Bestrebungen unserer Gouvernements, dem Volk statt der es Physisch weniger zu bewahren vermögenden Chirurgen tüchtig gebildete Ärzte zu geben, daß sie erfolglos bleiben. Das Volk vermag allein über das Begehren ärztlicher Hilfe zu entscheiden und wenn es entweder so ungebildet oder so arm ist, mit einem Chirurg zufrieden zu sein, oder wenn es für ihn jährlich nur einen Lohn von 200 oder 300 Thalern aufbringt, so würd es nichts helfen, daß das Gouvernement dort einen promovirten Arzt hinsetzt, wenn es ihn nicht besoldet, denn von jenem Lohn kann ein solcher nicht leben. Mit dem jähen Gesetz "von heute ab werden keine Chirurgen mehr vom Staat approbirt", ist nichts zu machen, denn es könnte kommen, es sei das Begehren eines Kreises nach ärztlicher Hilfe nicht zu heben, ein Dr. xromotus vermöge dort aber nicht zu bestehen, so wäre der Fall leicht möglich, ein Bezirk sei auch ohne die Hilfe eines Chirurgen I. Classe, die allerdings 6 * immer nur als ein nothwendiges Übel vom Staat betrachtet werden darf. Gleichzeitig wollen wir uns aber vor der Mißdeutung feierlich verwahren, als wüßten wir nicht, daß ein Pana- ritium, d. i. der sogen. Wurm am Nagelglied eines Fingers oft schwerer zu behandeln sei, als ein Nervenfieber, d. h. daß im ersten Fall auf die Behandlung die Kenntnisse eines gebildeten Arztes eher und sicherer einen Einfluß auszuüben vermögen, als im letzteren, als wüßten wir nicht, daß bei Heilung einer Verbrennung II. oder kll. Grades ein physiologisch gebildeter Arzt viel nothwendiger ist, als wenn ein sogen, „gastrisch-nervöses" Fieber „curirt" wird rc. — Wir sind vollkommen mit dem Herzen bei dem Wunsch, es möchten Dienstboten, Taglöhner, Handarbeiter rc. rc. bei Behandlung von Verrenkungen, Knochenbrüchen, Wunden nicht Chirurgen in die Hände fallen, wo oft langes Siechthum die Betroffenen heimsucht, sondern es möchte auch solchen Erkrankenden diejenige ärztliche Hilfe zur Disposition stehen, bei der sie am meisten bewahrt sind, wir halten aber daran unverbrüchlich fest, daß das so lange ein frommer Wunsch bleiben muß, als bis es der Cultur, wir möchten wohl lieber sagen, der echten christlichen Hilfe und Werkthätigkeit gelingt, das Begehren jener Hilfe Suchenden zu heben. Und aus Grundlage einer solchen Auffassung der Verhältnisse, sind wir vornweg mit unter Denen, die alle Hebel in Bewegung gesetzt zu sehen wünschen, um den Stand der Chirurgen nach und nach unnöthig zu machen. Hier haben wir nur noch nöthig, zu erwähnen, wie wir es in keinem Fall gut zu heißen vermögen, wenn der Staat in irgend einem Fall bei einer Anstellung und Besoldung einer ärztlichen Hilfe sich mit der Capacität eines Chirurgen I. Classe begnügt, den» damit beweist er nur, daß ihm die Kenntniß von dem Standpunkt der ärztlichen Wissenschaft abgeht. — Eine ähnliche Lage aber ist's, in der sich das Heb ammcnthum befindet. — In England, wo das Individuum mehr galt, wo im Durchschnitt ein viel höheres Maaß der Lebensbedürfnisse eingehalten wird, ist es Sitte, daß die so wichtige Katastrophe der Entbindung einer Frau nicht den Kindweibern allein überlassen wird. Den Kreisenden steht der Arzt mit Rath und That zur Seite. Iedeni praktischen Arzt laufen tausendfach die Folgen davon in die Hände, daß dem bei uns nicht so ist. Ein anderes Begehren seitens unserer Frauen wird auch hierin Änderung schaffen, und der Berufskreis der Hebamme sich von dem einer selbsthandelnden ärztlichen Hilfe zu dem einer nur unter den Augen und auf Geheiß des Arztes thätigen Assistentinn abklären. Bis dein so sein wird, müssen wir Hebammen und möglichst gtite Hebammen haben. Der Staat möge sie vor Allem vor Concurrenz schützen und dann mehr von ihnen fordern. Wir machen im Interesse aller Derer, die hier sorgend die Verhältnisse zu leiten haben, nachdrücklichst auf einen in der Monatsschrift für Geburtskunde 1854 Bd. 4 Heft 5 enthaltenen Aufsatz von Martin aufmerksam: „Über den naturgemäßen Umfang des Hebammengcschäftes und die entsprechende Einrichtung des Hebammenunterrichts". — Wir haben hiermit die Stellung der vom Staat be soldeten oder zu besoldenden Ärzte und hiermit deren Eigenschaft als Staatsdiener durchgegangen und gedachten weiter unsere oben gestellte Forderung zu begründen, daß die 86 Stellung der freipracticirenden Ärzte eine durchweg andere sein müsse. Wir fanden bei Betrachtung der gegebenen Verhältnisse, also auf dem natürlichen Weg der Erfahrung, unsern oben xx. 73 ausgesprochenen Satz, daß über das Wieviel und das Wie der ärztlichen Hilfe, die das Publikum suche, keiner zweiten Person eine Entscheidung zustehe, als dem Publikum selbst. — Damit aber — und wir sprechen das als ein für unsere anfänglichen principiellen Aufstellungen ein Zeugniß der Richtigkeit ablegendes Factum an — begegnen wir dem im Anfang unserer Schrift gemachten Ausspruch, der Stand des freipracticirenden Arztes gehöre der vierten Gruppe eines Staatsorganismus und zwar dem Bürgerstand an. . Denn es ergibt sich von selbst, daß, wenn über den Werth, dem ärztliche Hilfe zu Theil wird. Niemand als Derjenige zu entscheiden hat, der diese sucht, der Stand Derer, die die Waare dieser ärztlichen Hilfe an den Markt bringen, auch dem Organtheile eines Staatslebens angehören muß, wo Leistung und Gegenleistung einzig und allein entscheiden, wo ohne den Einfluß und die Gewalt dritter Personen dies gegeneinander stehende Verhältniß von Angebot und Begehren sich regelt, wo, wir möchten sagen, Mann gegen Mann steht. — So weit hat uns die Natur der Verhältnisse geführt. Wir hätten nachgewiesen, wie der ärztliche Stand im Leben zwei wesentlich verschiedenen Theilen eines Staatsorganismus angehört, und wie die Stellung der besoldeten Ärzte hier, die der freipracticirenden dort ihre gesellschaftliche Stellung zu suchen hat. — 87 Noch bleibt uns übrig, die endliche Antwort auf die Frage zu geben, wer entscheidet denn nun im practischen Leben über die Anzahl, in der hier, in der dort frei- practicircnde Ärzte ein Bedürfniß sind? Wir mußten gestehen, das Publikum allein sei dazu inkompetent, und fanden weiter, der Staatsgewalt stehe keine Berechtigung zu, einzugreifen. Nun der einzige Ausweg, der unendlich einfache, naheliegende ist, daß das »auäiatur et alterg. bei jener Entscheidung gewissenhaft gewahrt werde. Daß das aber überhaupt geschehen kann, dazu bedarf es einer Repräsentation des ärztlichen Standes und diese ist ohne eine Corporirung desselben nicht möglich. Jedes Zusammentreten und Vereinigen, jeder Versuch einer Corporation, jede wahre "Sammlung" ist vergebens und bleibt erfolglos, wenn die Pflichten und Rechte nicht streng neben einander abgewogen werden. Das gilt es zunächst bei einem Zusammentreten des ärztlichen Standes zu erwägen. Soll derselbe z. B. das für ihn so oft geforderte Recht haben, die Erlaubniß an junge Doctoren zur Praxis zu geben, so muthe man ihm auch vor Allem die Pflicht zu, für die in seinem Stand erwerbsunfähig Gewordenen Sorge zu tragen. Dieses Corrclat wird ihn mit zwingender Gewalt mahnen, vorsichtig zu sein, und darauf zu sehen, daß die bürgerliche Stellung seiner Glieder eine solche ist, daß jeder einzelne Arzt, solange er eben thätig sein und schaffen kann, auch an die Pflicht nicht nur zu denken, sondern sie zu üben vermag, für die Zeiten des Alters Sorge zu tragen und durch Sparen und Sammeln und das Sichversichern in einer Assecuranz o. dgl. Anstalt zu treffen, daß die Seinen nicht mit bürgerlich leeren Händen 88 dastehen, wenn er unfähig wird, seinen Beruf auszuüben. Für die Fälle des unberechenbaren Unglücks in den jüngeren Jahren eines Arztes, wenn er jener Vorsicht noch nicht ausreichend nachkommen konnte, bleibt die Hilfe des Standes ein immer schönes Attribut der Corporation. Bei einer Entscheidung des ärztlichen Standes über die Anzahl der erforderlichen Ärzte können wir aber bei unseren Ansichten von der gesellschaftlichen Stellung des freipracticirenden Arztes natürlicherweise nicht stehen bleiben. Haben wir einmal des Correlats gedacht, das gegeben sein muß, wenn die Vereinigung des ärztlichen Standes innerliche Festigkeit haben soll, so wollen wir auch des Correlats nicht vergessen, das das Verhältniß von Leistung und Gegenleistung im bürgerlichen Leben mit sich bringt, und wie wir auf der einen Seite den Stand der Ärzte als berechtigt ansehen, seine Stimme in die entscheidende Urne zu legen, wollen wir auch andererseits dem Publikum das Recht vindiciren, seine Stimme geltend zu machen. Die bürgerliche Sicherstellung seiner Glieder durch ras Recht der Einrede der Übersetzung soll der ärztliche Stand zu wahren vermögen vis L vis der Pflicht, für die Erwerbsunfähigen seines Standes Sorge zu tragen. Dem Recht, ärztliche Hilfe dem Publikum dort vorzuenthalten, wo dasselbe einen Arzt nicht zu erhalten vermag, muß aber auch die Pflicht entsprechen, sich das Petiren der Laien gefallen zu lassen und dem Ausspruch der kompetenten Behörde sich zu unterwerfen. Wo in solchen Fällen des Stimme gegen Stimme Stehens aber die Entscheidung zu suchen ist, liegt nahe. — Es mögen nur erst einmal nach solchen Normen die socialen Verhältnisse des ärztlichen Standes geordnet und 89 damit die Pflichten wie Rechte des Laien und Arztes gewahrt sein, so wird eine große Anzahl der Unzulänglichkeiten, Mißverhältnisse und Schwierigkeiten Hinwegfallen, die wir jetzt als Heber und Leger solcher unlösbarer Partei-Interessen halten, aber wenn dem auch wäre, wenn auch bei einer von uns anempfohlenen Ordnung der Verhältnisse eine dritte Person entscheiden müßte, so wären in den von uns oben näher bezeichneten Medicinalräthen ganz rmd gar die Persönlichkeiten gegeben, die zur Entscheidung competent wären. — Aus eigener Lebenserfahrung vertraut mit dem Beruf, der Leistungsfähigkeit, der Verantwortlichkeit, kurz der ganzen wissenschaftlichen wie geschäftlichen Thätigkeit eines frei- practicirenden Arztes auf der einen Seite, und auf das Genaueste unterrichtet von dem physischen Zustand und den Bedürfnissen des Publikums durch seine gegenwärtige Stellung als über die Medicinalverhältnisse des Landes gesetzter Staatsdiener andererseits, endlich aber durch seine vom freipracticirendcn Arzt wie Laien unabhängige Stellung besonders zum unparteiischen Richter geschickt, ließe sich gar kein Richterspruch der Staatsgewalt denken, dem eine sorgfältiger abgewogene Motivirung des der Entscheidung zu Grunde liegenden Materials unterlegt werden könnte, als eben dieser, d. i. einer Entscheidung, ob das Begehren des Publikums »ach noch einem Arzt oder die Bitte der ärztlichen Corporation, den Stand vor Concurren; zu schützen, zu erhören sei? Verweilen wir noch eine kurze Zeit bei der Art, in der sich der ärztliche Stand zu corporiren hat. — Soll ein solcher Versuch festen Grund finden, so gilt es vor Allem, klar auszusprechen, zu welchem Endzweck die Ver- 90 einigung dienen soll. Soll sie geschehen um den Praktikern einen wissenschaftlichen Zusammenhalt zu geben, soll sie die Erfahrungen der Ärzte sammeln, um sie zum Austausch und weiterer Verwerthung zu bringen, soll sie geschehen, um in Selbstherrlichkeit die ganze staatliche Stellung der Ärzte in die Hand zu nehmen, ohne auch nur einer behördlichen Gewalt das Recht einzuräumen, dahinein ein Wort mitzureden, wie es die so charakteristisch gefärbten Petitionen und Aufrufe der Ärzte im Jahre 1848 u. 49 aller Orten verlangten oder soll die Vereinigung geschehen, uni die bürgerliche, sociale Stellung des ärztlichen Standes und der ihn: Angehörigen sicher zu stellen? Wir meinen, die Corporation habe zu geschehen im Sinne des letztgenannten Zweckes. Die wissenschaftliche Seite des ärztlichen Berufs hat von anderen Seiten und zwar aus dein Schooß der Aca- demieen ihre Anregung und Belebung zu erhalten. Ein reger Verkehr jedes Arztes mit der von dort ausgehenden Lehre, dem dort ausgeworfenen Fund ist nöthig. Auch die staatliche Autonomie, die jene Petenten erzielten, ist von keinem praktischen Werth. Ein Staatsorganismus ohne Haupt ist nicht denkbar. Die einzelnen Glieder, mögen sie unmittelbar im Dienst des Kopfes, oder ihm ferner stehen, müssen sich in gewissen Verhältnissen unterwerfen. Es ist ganz vergeblich und unnütz, hier mit un- motivirter Jalousie nach der Staatsgewalt zu blicken und auf eine Befreiung von ihr zu speculiren. Die rein bürgerlichen und socialen Interessen des ärztlichen Standes gilt es in der Corporation zu vertreten. Nichts mehr und nichts weniger. 91 Einer Lade und Truhe bedarf es, und eines zinnernen Kruges und einer Fahne im rechten Geist einer Standes- Geschlossenheit, freilich nicht jener zünftigen Engherzigkeit, die zusammentrat, um sich zu vertheidigen, um die eigenen Interessen allein zu wahren, sondern wir meinen jene des Einzelnen Handeln adelnde Genossenschaft, die in ihrem Zusammentreten das Wohl und Wehe der Mitwelt vor Augen hat, für das zu sorgen und dem abzuhelfen, sie von Gott berufen ist. — Die erste Frage für eine solche Vereinigung ist, „wer gehört ihr an?" Hier ist festzuhalten, daß nur die freipracticirenden Ärzte ihr angehören können. — Ganz abgesehen davon, daß es die Staatsgewalt nicht billigen kann, daß die Staatsdiener sich um ihrer socialen Stellung wegen in festen Vereinen binden, hat es auch gar keinen Zweck, wenn die besoldeten Ärzte der Zunft angehören, denn deren bürgerliche Stellung wahrt der Staat. — Auch sprachen wir in Fällen von Conflicten zwischen Laien und Ärzten in Medicinalinteressen die Entscheidung der Medicin«!-Beamteten an. Solche können füglich nicht einer der berufenden Parteien angehören. Erstens also dem zu corporirenden ärztlichen Stand gehören nur die freipracticirenden Ärzte an. Denken wir die ganze Classe der Armenärzte, wie alle um ihres amtlichen Berufes willen später nicht mehr mit stehendem Gehalt zu besoldenden Ärzte ausscheiden aus dem bisherigen Kreis der mittet- oder unmittelbaren StaatSdienerschaft, so brauchen wir nicht nach Personen zu suchen, die den Stand füllen. 92 i Zweitens gehören ihm alle frei practiciren-- den Ärzte an. Das Statut erlaubt keinem eine Sonderstellung, wie es keinen Tischler-meister außerhalb der Tischlerinnung stehend gibt. — Drittens fällt dem ältesten, ganz einfach weil erfahrensten Dritttheil der freipracticirenden Ärzte eines kleineren Landes, einer Provinz, eines Kreises die Pflicht zu, die weiteren corporativcu Ordnungen und Interessen des Standes zu wahren, resp. dazu der jüngeren Kräfte sich zu bedienen.— Es sind die Eigenthümlichkeiten des Landes und dessen Bevölkerung, die Besitzvcrhältnisse derselben, die Anzahl, in der der Stand zur Zeit repräsentirt ist, das Vorhandensein eines Standes von Chirurgen, es ist die bisherige Ordnung in dem Medicinalpcrsonal und noch so vielfach individuelle Verhältnisse zu sehr maaßgebend für eine dc- taillirtere Ordnung bei einer solchen Corporirung des ärztlichen Standes, als daß wir es uns vornehmen könnten, specieller auf dieses Thema einzugehen. Es genügt auch für unseren Zweck vollkommen, einmal die Nothwendigkeit nachgewiesen zu haben, daß die freipracticirenden Ärzte sich zusammenschaaren und zweitens, wie dem zu geschehen, in den äußersten Umrissen gezeigt zu haben. Einen Ausweg suchten wir, um aus den Schwierig, leiten herauszukommen, die uns bei der Nothwendigkeit aufstießen, eine Antwort auf die Frage zu geben, „wer soll denn entscheiden, wie viel Ärzte hier, wie viel dort das Begehren des Publikums nach ärztlicher Hilfe zu befriedigen im Stande sind?" — — 93 — Wir fanden, daß hierbei der ärztliche Stand wie das Publikum eine Stimme haben müsse. Letzteres kann sie in der Presse, in privaten, in amtlichen Petitionen und Gutachten laut werden lassen. Das Nähere deshalb gehört nicht hierher. Der Arzt kann seine Stimme nur abgeben durch das Organ seines corporirten, seine Interessen mit vertretenden Standes. Nur der Stand vermag seine Klagen zu verstehen, seine Ansprüche zu würdigen, seine Pflichten zu messen, seine Arbeitskraft zu veranschlagen, seinen Lohn abzuwägen, kurz über seine ganze berufliche Stellung ein kompetentes Urtheil abzugeben, nur der Stand vermag aber auch demselben eine Beachtung zu sichern, mit dem Gewicht seiner Meinung dafür Sorge zu tragen, daß die Interessen des freipracticirendcn Arztes im Einzelfall auch wirklich erwogen werden. Wir haben in den Medicinal-Beamteten des Landes eine entscheidende Behörde und sehen so eine Ordnung angebahnt, bei der die Lösung jener von uns früher nachdrücklich und grell hervorgehobenen Conflicte abzusehen ist, die die vernichtende Stellung der Ärzte in der Concurrenz nach und nach in eine social gesicherte umzuwandeln, dem Arzt die Autorität in seinem wissenschaftlichen Handeln wieder zu verschaffen vermag, ohne die sein Handeln zur Hökerei werden muß, und die endlich dem Publikum wieder den Segen zuführen wird, in seinen Ärzten nicht für den einzelnen Fall abzulehnende Handwerker, sondern dessen ganzes Vertrauen besitzende, treue Helfer in der Noth zu haben. — -Ism sati»! Anhang. Man hört hie und da, wo die Stellung der praktischen Ärzte zum Gegenstand der Unterhaltung wird, aus- sprechen, hier auf ein, dort auf 2000 Einwohner vermöge ein Arzt zu leben. Der Laie macht da oft je nach seiner Erfahrung die und jene Schätzung und meint, er sei recht gewissenhaft mit seinem Urtheil über die Stellung eines fraglichen praktischen Arztes gewesen, wenn er die Verhältnisse, in denen dieser eben lebt, vergleicht mit der Lage anderer Ärzte auf solcher sogen, statistischer Grundlage. Wir haben oben schon wiederholt daran erinnert, wie individuell entscheidend die fraglichen Verhältnisse in der Stellung eines Arztes sind, und wie durch die officielle Statistik wohl kaum zu erhebende Dinge aus dem bürgerlichen Leben der Ärzte allein es sein könnten, wenn von ihr aus nach Wahrheit über der praktischen Ärzte Lage sollte geurtheilt, rv8p. eine Norm über deren nöthige Anzahl in einem Bevölkcrungskreis sollte aufgestellt werden können. . Wir führen hier, um nur Einiges von dem vorhandenen statistischen Material zu geben, folgende Verhält nisse an, in denen das ärztliche Personal der Zahl nach da oder dort repräsentirt ist. — Es sind diese Zahlen 95 meist den 3 Jahrgängen des Hübner'schen Jahrbuchs für Volkswirthschaft und Statistik entnommen. ' Im 2ten Jahrgang dort heißt es im »Jahresbericht des statistischen Amtes im königlichen Polizei-Präsidio zu Berlin für das Jahr 1852": Die Zahl der zur me- dicinischcn Praxis berechtigten Berliner Ärzte belief sich am Schlüsse des Jahres 1852 auf 447 und die der Civil-Wundärzte I. und II. Classe auf 86, hiernach haben ärztlichen Beistand geleistet 533 Personen. Weiter wird erwähnt die Zahl der Medicinalpersonen. Sie betrug Im Jahre an üivil- und an Wund-Ärzten Militärärzten l. u. ll, Cl. 1822 . . . 130 ... 49 1828 . . . 240 . . . — 1834 . . . 329 ... — 1840 . . . 286 ... 79 1836 . . . 424 ... 74 1852 . . . 447 ... 86. Es kam im Jahre 1822 auf 1479 Einw., im Jahre 1852 auf 948 Einw. 1 Arzt. Es kam im Jahre 1822 auf 3920 Einw., im Jahre 1852 auf 4928 Einw. 1 Wund- Arzt. »Die Zahl der Ärzte, heißt es ferner, hat hiernach verhältnißmäßig bedeutend zu-, die der Wundärzte abgenommen; das Mcdicinalpersonal hat also an wissenschaftlicher Bildung gewonnen; die Lage der Ärzte dagegen ist eine schlechtere geworden." Und wahrlich sie ist nicht nur eine schlechtere geworden, sie ist in vielen, vielen Fällen eine ganz jammervolle. Einem Stand angehörend, den — 96 - der empfangene Lohn nicht zu repräsentiren vermag, angewiesen an einen Beruf, den die Concurrenz bürgerlich ruinirt, unvermögend, die eigenen Kräfte zu regen gegen diese Übelstände, muß wohl moralischer, wissenschaftlicher wie socialer Ruin über die Ärzte dort oft genug kommen. Und wie theuer ist da die Maaßregel erkauft, die Anzahl der Chirurgen I. Classe auf das gegebene Maaß reducirt, für ein wissenschaftlicheres ärztliches Personal Sorge getragen zu haben! Die Examinatoren freilich, vor Allem die Chemie examinirenden klagen über die so häufig anzutreffende arge Ignoranz der Examinanden, und die Anzahl der jährlich durch das Examen Fallenden ist oft größer als die der es Bestehenden, aber vermag jene Concurrenz dem zu steuern, meint wirklich ein Sachkundiger, jene Concurrenz sei nöthig, um wenigstens das gefundene Maaß der Kenntnisse zu erhalten, und es werde ohne Concurrenz die Unwissenheit noch überhandnehmen? Gewiß nicht. Im Gegentheil, je bekannter, greller, abschreckender die sociale Noth vieler Ärzte wird, je mehr wird das ärztliche Studium nicht vom Talent, sondern nur voin Geldbeutel aufgesucht werden können. Familienverbindungen und pekuniären Mitteln allein wird es möglich sein, furchtlos dem möglichen socialen Unglück des ärztlichen Berufes entgegen zu gehen. Wird das ein Glück sein? Richtig sagt Goldschmidt a. a. O. PS. 108: »Es ist aber sehr zu fürchten, daß man künftig die Ärzte in Deutschland, wie es Strauß den Theologen der Zukunft prophezeihte, taute cko inieux von der Schusterbank nehmen muß. Denn welcher junge Mann aus gutem Hause, dem irgend eine andere Wahl bleibt, wird einen Beruf wählen, der viel Mühe und Sorgen sicher in Aussicht stellt; aber 97 »weder Gut noch Geld noch Ehr' und Herrlichkeit der Welt« erwarten läßt. — »Welchen Einfluß, heißt es an einem andern Ort des fr. Jahrbuchs, die Anzahl der Ärzte in einem Kreis auf die Mortalität der Bevölkerung ausübt, ob diese durch jene vermehrt oder vermindert wird, darüber ertheilt die preußische Statistik keinen Nachweis.« — Es kamen in der ganzen preußischen Monarchie bei 3974 Ärzten im Jahre 1822 1 Arzt auf 2892 Einwohner. 4190 - - - 1828 1 - - 2991 - 4920 - - - 1840 1 - - 2990 - 5771 - - - 1849 1 - - 2787 - In Österreich, wo die statistischen Erhebungen noch sehr im Argen liegen, und über die fr. Verhältnisse in Ungarn gar keine Nachweise vorhanden sind, gab es im Jahre 1849, Ungarn ausgenommen, 5935 Ärzte und 6293 Wundärzte. Es kam auf 4752 Einwohner 1 Arzt und auf 4200 Einwohner 1 Wundarzt. Während in Berlin nur 20 Proccnt des ärztliche Hilfe leistenden Personals dem Stand der Chirurgen I. und II. Classe angehören, überwiegt in Österreich der Stand der Chirurgen an Zahl noch den der Ärzte. In Baiern lebten im Jahre 1853 1205 Civil- und 154 Militär-Ärzte. Es kamen im Durchschnitt 3784 Einwohner aus 1 Arzt. Das Maximum der Einwohnerzahl, die auf 1 Arzt kam, war den Kreisen nach 5136, das Minimum 2850. In München kamen 1050 Einwohner auf 1 Arzt. — Im Königreich Sachsen lebten am Schluß des Jahres 1852 1237 der Medicin beflissene Personen männ- 7 98 lichen Geschlechts und kamen 1607 Einwohner auf einen der Medicin Beflissenen. Die Zahl der auf der Universität Leipzig Medicin studircnden Sachsen betrug im Somincrscmester 1852 113, die der dort Chirurgie studircnden Sachsen 25; außerdem studirten auf der chirurgisch-Medicinischen Akademie zu Dresden im gen. Jahre noch 82 Personen, wobei aber nicht angegeben ist, wie viel Ausländer sich unter ihnen befinden. Der Umstand, daß in Sachsen das zahlreichste, ärztliche Hilfe leistende Personal ist, wird durch den Sachsen eigenen zahlreichen Stand der sogen. „Neäioirikm prac- tiei" erklärt. In Würtcmberg lebten 1852 474 Ärzte und Wundärzte I. Classe und es kam im Durchschnitt auf 3656 Einwohner 1 Arzt. Das Maximum dieses Verhältnisses ergab der Jaxtkreis mit 4628 Einwohner auf 1 Arzt, das Minimum der Reckarkreis mit 2913 Einwohner auf 1 Arzt. — In den Städten kamen 946 Einwohner durchschnittlich auf 1 Arzt und zwar in Stuttgart 1 Arzt auf 935 Einwohner. - Ulm l - - 950 - Heilbronn 1 - - 870 - - Reutlingen 1 - . 1180 - Eßlingen 1 - - 790 In Mecklenburg-Schwerin kam im Jahre 1850 1 Arzt auf 2349 Einwohner, und es lebten dort 195 Ärzte und 36 Wundärzte. In M ecklenburg-Strelitz lebten im gleichen Jahre 32 Ärzte und 12 Wundärzte 1. Classe und cS kam 1 Arzt auf 2288 Einwohner. 99 In Lippe-Dctmold waren im Jahre 1854 29 Me- dicinalpersvncn »nd darunter 10 Wundärzte thätig und es kamen 3620 Einwohner auf eine Medicinalpcrson. In Sachsen-Alten bürg lebten Ende 1854 55 Medicinalpcrsonen, darunter 45 promovirte Ärzte und 10 Chirurgen 1. Elasse und kamen somit 1 Arzt auf 2800 Einwohner und 1 Wundarzt auf 12,600 Einwohner oder auf 2290 Einwohner eine ärztliche Hilfe leistende Person männlichen Geschlechts. In den Städten Englands, wo der bei Weitem größte Theil der Krankheiten nicht von stndirtcn, d. h. physiologisch gebildeten Ärzten behandelt, sondern für gewöhnlich nach einem sogen, praetischen Arzt geschickt wird, dessen Bildungsgrad der unserer Chirurgen ist, bezahlt der Patient dem graduirtcn Doctor, dem stndirtcn Arzt ein Pfund Sterling für den Besuch. Er schickt nur in schwereren Erkranknngsfällen nach demselben. Nach der Mcdicinaltaxc des Fürstenthmns 2ippc - Detmold darf ein Arzt für einen Besuch in der Stadt mir 3'/, Silbergro scheu nehmen. Für gewöhnlich liquidirt der Arzt aber das nicht einmal. Der ernstlich kranke Patient in Can- terbnry z. B. zahlt also 64 mal so viel für einen Besuch eines stndirtcn Arztes als derselbe z. B. in Lemgo zahlen würde. Was haben wir Deutschen doch wohlfeile wissenschaftliche Waare am Markt! Bei den sogen, guten Familien nimmt der Hamburger Arzt in den Vorstädten für einen Besuch 1 Mark — l2 Silbergroschen, in der Stadt auch das Doppelte und mehr. — Für eine Zangenentbindnng zahlt der Hamburger Kaufmann gewöhnlich 100 Mark — 40 Thaler, er 7 * 100 zahlt aber auch 200 und 300 Mark in nicht seltenen Fällen dafür. Die großen Städte ausgenommen, zahlt ein recht honetter Familienvater im mittleren Deutschland dem Arzt für eine Zangengeburt einen Louisd'or, liquidirt der Arzt seine Rechnung nach Schneider- und Schuster-Art, setzt er die Entbindung niit 3 Thalern an und erhält das zu Heller und Pfennig richtig ausgezahlt. — Eine wohlhabende Familie Nord-Deutschlands gab ihrem Hausarzt 100 Thaler jährliches Honorar, und ein rechter Hausarzt vermochte solchen Lohn hundertfältig zu vergelten. In Mitteldeutschland sendet eine sogen, gute Familie ihrem Hausarzt zu Weihnachten im Durchschnitt 4—6 Louisd'or, nur ausnahmsweise darüber. — Wo eine Familie aber den Arzt nur bei Vorkommnissen von Krankheit braucht, wenn auch immer denselben, und das Behandeln auf den Rechnungsfuß gebracht ist, erhält er seine Liquidation auch von wohlhabenden Familien zu Heller und Pfennig ausgezahlt und an der Grenze des Guldenlandes wird ihm der Rheinische Gulden zu 17 Silbergroschen und 1 Pfennig berechnet. Das sind Dinge des alltäglichen Verkehrs und uns fällt es wahrlich nicht ein, letztere hiermit an den Pranger stellen zu wollen, sondern wir geben sie hier als Beweise von dem Werth, den bei uns das Publikum ärztlicher Hilfe beimißt. — Steht aber irgend einem anderen Moment als dem wirklicher Bildung die Macht zu, dies Verhältniß zu ändern? Oder vermag das die Concurreuz zu thun? Nun wir waren mit unseren obigen Antworten darauf schon ani Ende. MWW